Verdacht auf Alzheimer? In vielen Fällen steckt in Wahrheit etwas anderes dahinter

Fast jede zweite Alzheimer-Diagnose ist vermutlich falsch und die Betroffenen erhalten nicht die richtige Hilfe. Oft sind nicht Alzheimer, sondern ganz einfache Dinge Ursache für Vergesslichkeit und Verwirrtheit.

  • Wer zu wenig isst, kann Alzheimer-Anzeichen wie Gedächtnisstörungen bekommen.
  • Viele gängige Medikamente – Schmerzmittel, Blutdrucksenker – können als Nebenwirkung Verwirrung auslösen.
  • Die PET-Untersuchung, mit der sich Alzheimer exakt ausschließen lässt, zahlen die Kassen meist nicht.

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland sollen Alzheimer haben. Doch in Wirklichkeit könnten es viel weniger sein. Denn oft kommt es zu Fehldiagnosen. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt die IDEAS- Studie (Imaging Dementia-Evidence for Amyloid Scanning) von Wissenschaftlern der University of San Francisco.

Plaques im Gehirn können auf Alzheimer hinweisen, fehlen sie, hat der Patient garantiert nicht Alzheimer

An der Studie nahmen mehrere tausend Patienten mit milden kognitiven Beeinträchtigungen, aber auch Demenzerkrankungen wie Alzheimer teil. Alle Probanden wurden mit Positronen-Emissions-Tomographie (PET) untersucht. Dabei handelt es sich um ein bildgebendes Verfahren, das Stoffwechselvorgänge sichtbar macht und damit auch die sogenannten Amyloid-Plaques im Gehirn.

Diese Ablagerungen gelten als wichtiges Alzheimer-Anzeichen. Sind sie erkennbar, bedeutet das allerdings nicht zwingend, dass der Betroffene die Demenzerkankung hat, er kann also trotzdem geistig fit sein und auch bleiben. Das Gegenteil, also keine Plaques aufzuweisen, heißt jedoch definitiv, dass der Patient nicht Alzheimer hat.

Das Ergebnis der Studie: Rund 40 Prozent der vermeintlichen Demenzpatienten hatten gar nicht Alzheimer und erhielten damit auch nicht die richtige Therapie gegen die tatsächliche Ursache ihrer Gedächtnisstörungen und Verwirrtheit.

PET wird nicht als Diagnosehilfe für den Ausschluss von Alzheimer genutzt

Doch warum gehört die Untersuchung mit dem PET nicht bei der Diagnose von Alzheimer dazu? Ganz einfach: Sie ist mit rund 500 bis 1000 Euro teuer und deshalb in der Regel keine Kassenleistung, wenn es darum geht, bei einem verwirrten älteren Menschen Alzheimer auszuschließen. Die normale Alzheimer-Diagnostik für Kassenpatienten sieht so aus – ausführliche Anamnese und standardisierte Mentaltests – Uhr zeichnen etc. Doch damit werden viele 100.000 Menschen zu Alzheimer-Patienten gemacht, die eigentlich an anderen Problemen leiden.

Sechs Ursachen für Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit – außer Alzheimer

Eine ganze Reihe von Krankheiten und Beschwerden kann hinter Alzheimer-Symptomen wie Vergesslichkeit und Verwirrtheit stecken, die oft leicht zu ändern oder zu behandeln wären.

Besonders häufig sind:

1. Nebenwirkung oder Wechselwirkung von Medikamenten, etwa Schmerzmitteln, Cholsterinsenkern (Statine), Magensäureblocker, Blutdrucksenker, Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigunsgmittel, sowie Medikamente gegen Osteoporose und Parkinson, Entwässerungsmittel – vor allem ältere Menschen nehmen täglich oft mehrere Medikamente ein.

2. Natriummangel – häufige Nebenwirkung bei Entwässerungsmitteln und Medikamenten gegen Verstopfung

3. Flüssigkeitsmangel – zu wenig Trinken betrifft vor allem Senioren, weil das Durstgefühl bei ihnen nicht mehr ausreichend ausgeprägt ist.

4. Schilddrüsenunterfunktion – lässt sich mit Schilddrüsenhormonen in Tablettenform behandeln und die Denkleistung springt wieder an.

5. Unterernährung – kann direkt zu einer Hirnschrumpfung (Atrophie) führen, die sich mit dem richtigen Speiseplan sogar zu großen Teilen wieder ausgleichen ließe.

6. Narkose – nach einer Narkose tritt bei älteren Menschen sehr häufig ein so genanntes postoperatives Delir auf. Oft werden die Betroffenen deshalb kurzerhand mit der Diagnose „Alzheimer“ in ein Pflegeheim abgeschoben – obwohl sich der Zustand unter normaler geistiger Forderung und liebevoller Förderung nach einigen Monaten wieder legen würde.

Verdacht auf Alzheimer – was tun?

Bestehen Sie (bei Ihren Angehörigen) auf weiteren Untersuchungen, wenn der Arzt rasch die Diagnose Alzheimer stellt, fragen Sie nach. Stellen Sie eine Liste mit allen Medikamenten auf, die der Betroffene zur Zeit einnimmt oder eingenommen hat. Legen Sie diese Liste dem behandelndem Arzt vor. Und zögern Sie nicht, die Diagnose Alzheimer anzuzweifeln, wenn diese nach einer Narkose gestellt wird.

Bluttests, eine Untersuchung des Gehirnwassers und nicht zuletzt PET helfen dabei, den Ursachen von Verwirrtheit und Vergesslichkeit auf die Spur zu kommen. Lassen Sie keine Zeit verstreichen – ist der Betroffene erst mal als vermeintlicher Alzheimer-Patient in einem Heim untergebracht, wird es schwierig, ihn wieder herauszubekommen und von anderen Ärzten als dem betreuenden Mediziner der Einrichtung untersuchen zu lassen.

Quelle: Focus.de, 29.07.2017

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