Männer, ab in die Pflege!

Pflege ist ja immer Hochleistungsarbeit, übrigens meist für alle Beteiligten. Herr K. spürt das ganz genau, er hat es bis zuletzt gespürt. Wochen zuvor war der Mann schwer gestürzt und seit diesem Tag querschnittsgelähmt; ein Pflegefall mit 100 Kilo Körpergewicht. Mindestens einmal am Tag musste man Herrn K. fortan zur Seite drehen, damit der Stuhl in eine Pappschale abfließt. Das stinkt dem Patienten, das stinkt im Zimmer, das stinkt auch den Pflegern, genauer: den Pflegerinnen.

Nur: Es muss nun mal sein; irgendwer muss es ja machen. Und wer macht es?

2015 hat ein Team um die Harvard-Professorin Ana Langer im Fachmagazin The Lancet schier unglaubliche Zahlen zusammengetragen: Die Analyse von Daten aus 32 Ländern, die etwa die Hälfte der Weltbevölkerung beheimaten, zeigt, dass Frauenarbeit als Beitrag zur globalen Gesundheitsversorgung einen Gegenwert von drei Billionen Dollar hat. Unbezahlte Arbeit von Frauen im Gesundheitsbereich, also auch die ehrenamtliche Versorgung von Angehörigen, macht etwas mehr als zwei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts aus. Pflege ist, weltweit betrachtet, weiblich, oftmals prekär und eben auch privat. Die Öffentlichkeit hält sich raus, so gut es geht. In Deutschland werden mehr als zwei Drittel aller Menschen zu Hause gepflegt. Und streng genommen will ja eigentlich keiner so genau wissen, wie das war mit Herrn K. und seiner völlig intakten Verdauung.

Soweit die Zustandsbeschreibung. Man könnte nun die üblichen Forderungen aufstellen: Es braucht mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Arbeitskräfte in der Pflege. Das stimmt zweifelsohne, doch eine Kleinigkeit fehlt: Es braucht – dringend – mehr Männer!

Allein ein Blick auf die Statistik macht das deutlich: In den kommenden fünfzehn Jahren wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland von 2,5 auf 3,5 Millionen Menschen ansteigen; und es ist davon auszugehen, dass weiter der Großteil zu Hause gepflegt werden will – und muss. Eine Entfeminisierung der Pflege, wie es in der Fachsprache so schön heißt, wird, ob nun gewollt oder nicht, in den kommenden Jahren dringend nötig sein; schlichtweg nur, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Und das passiert schon längst: Die Zahl der Männer in der ambulanten und stationären Pflege steigt, wenn auch nur zaghaft, seit Jahren an. Im privaten Umfeld sind immerhin ein Viertel der Pflegenden Männer. In der Öffentlichkeit sind diese Zahlen wenig bekannt, das Bild ist weiterhin starr: Pflege ist die Arbeit sich aufopfernder Frauen.

Aus Sicht eines modernen Feminismus, der sich weitaus weniger auf die Problembeschreibung als auf die Problemlösung konzentriert, wird die Frage nach Männern in der Pflege in naher Zukunft zentral werden (müssen). Denn wenn sich nicht die Männer stärker einbringen, dann werden immer mehr Frauen in der Pflege arbeiten, anstatt Berufe zu ergreifen, mit denen sie sichtbar Einfluss auf die äußere Welt nehmen. Geisteswissenschaftler nennen das die „innere“ im Gegensatz zur „äußeren“ Arbeitswelt. Die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen könnte dazu führen, dass Frauen immer mehr in diese innere Arbeitswelt zurückgedrängt werden: Pflege, Pflege, Pflege.

Es lohnt sich daher, einem zweiten Szenario ein paar Gedanken zu schenken: Wer ernsthaft und nachhaltig Frauen den Zugang zu einer äußeren Arbeitswelt gewähren will, also Arbeit außerhalb der eigenen vier Wände, der muss Männer dazu bringen, sich in der inneren Arbeitswelt zu engagieren. Feminismus ist in puncto Arbeit ein Stück weit auch ein Tauschgeschäft, weshalb man den Begriff „Equitismus“ einführen sollte: Eine gerechtere Welt würde entstehen, wenn Arbeit und deren Anerkennung eben auch möglichst gerecht verteilt werden würde.

Es geht im theoretischen Diskurs zu dieser Frage also nicht darum, Männern ihren Kuchen des Erfolgs, also die äußere Arbeitswelt, streitig zu machen. Es geht darum, die Kuchenstücke gerecht auf alle Akteure einer Gesellschaft zu verteilen – und ja, auch die Frage zu formulieren, ob es Alternativen zu diesem Kuchen gibt. Also: Kann nicht auch die innere Arbeitswelt eine sein, in der Leistung, Erfolg und Geld zu Anerkennung führen? Oder auch: Wie kann eine Gesellschaft das Bild der weiblich-aufopfernden Pflege endlich aufbrechen?

Die Befreiung des Mannes von Rollenklischees

Die Antworten auf diese Fragen können nur dann gefunden werden, wenn Schluss ist mit dem noch immer herrschenden Vorurteil, dass feministische Debatten das Ziel verfolgten, Männer zu Verlierern degradieren zu wollen. Doch genau dieser Vorwurf ist zu erwarten: Solange Pflegearbeit die schlechtere Option ist im Vergleich zum Manager im schicken Anzug, werden Männer diese Aufgabe eher ablehnen. Und tatsächlich haben sich viele feministische Debatten in einer ausufernden Problembeschreibung verhakt, ja Feindbilder aufgebaut und verstärkt, statt konkrete Lösungen zu erarbeiten. Der Widerstand gegen viele Ideen ist auch deshalb weiterhin massiv.

Anderseits muss man eingestehen, dass der Kuchen der äußeren Arbeitswelt nach wie vor fest von Männerhänden umkrallt wird; zwar naschen Frauen immer wieder mal ein paar Krümel, aber mit Blick auf die Daten der Harvard-Autoren, auch mit Blick in deutsche Krankenhäuser und Pflegeheime, mit Blick in die Wohnzimmer alter, schwerkranker Menschen wird schnell klar, auf wessen Schultern schlecht bezahlte Gesundheitsarbeit in Deutschland und vielen Ländern dieser Erde noch immer lastet.

Weil es also ganz offensichtlich bislang nicht gelingt, Männer davon zu überzeugen, mit Frauen Anteile der äußeren gegen Anteile der inneren Arbeitswelt zu tauschen, braucht es eine alternative Strategie; eine Strategie, die diesen Tausch als Gewinn definiert; idealerweise für alle Beteiligten, Männer, Frauen, Pflegende.

Die Berufswahl „Pfleger“ gilt weithin als extrem unmännlich

Es mag ungerecht klingen, dass der Ruf nach besserer Bezahlung und höherer Anerkennung der Pflegejobs ausgerechnet dann ertönt, wenn es darum geht, Männer anzulocken. Aus pragmatischer Sicht aber muss genau das im Interesse eines modernen Feminismus sein. Noch immer sprudelt das Geld in der äußeren Arbeitswelt, noch immer wird die Produktion neuer Güter deutlich höher honoriert als die Pflege alter Menschen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht „produktiv“ nach Maßstäben des Kapitalismus; was in die Irre führt, denn es ist offensichtlich, dass der gesellschaftliche Wohlstand eines Landes ohne die unsichtbare und oftmals unbezahlte Pflegearbeit nicht zu halten wäre. Es muss gelingen, die Definition von Wert und Produktivität zu verändern – und dabei kommt es auf die Männer an.

Wer die Motivation von Männern steigern will, die innere Arbeitswelt für sich zu entdecken, muss bestehende Rollenbilder überdenken und Gewinnmöglichkeiten betonen; auch hier gilt die Idee des „Equitismus“: Eine Entfeminisierung der Pflege geht zwingend einher mit einer Befreiung des Mannes von Männlichkeitsklischees. Es ist bei Weitem nicht so, dass Männer nur von Frauen versorgt werden wollen. Insbesondere, wenn es um Ansprache, Austausch und ja, auch um die Versorgung des Intimbereichs geht. Dass dieses Anliegen aber weitgehend unbekannt und ungehört bleibt, liegt nicht selten auch an einem schier unüberwindbaren Rollenverständnis: Der Wunsch nach männlicher Pflege, aber auch die Berufswahl „Pfleger“ gilt weithin als extrem unmännlich.

Ein Mann, der täglich Menschen wäscht, sie ankleidet oder Essen anreicht, riskiert auf Dauer eine Kränkung seiner männlichen Identität. Denn er muss zupackend, fordernd, wenig intim, wenig liebevoll sein. Er riskiert Häme und Spott, und sei es nur ein nett gemeinter Satz wie: „Toll, dass du dich traust, so einen Frauenberuf zu machen – ich könnte das ja nicht.“

Genau deshalb ist wichtig, die Pflegearbeit gesellschaftlich neu zu definieren und die bekannten Geschlechtsstereotypen aufzubrechen. Das ist eine Aufgabe, die sich übrigens auch an Frauen richtet. Denn auch sie tragen Geschlechterklischees weiter.

Die Frage also, wie man die intrinsische Motivation von Männern steigern könnte, die innere Arbeitswelt nicht als Bedrohung, sondern als persönliche Chance zu sehen, liegt womöglich im eigenen Schicksal: Die Wahrscheinlichkeit, selbst einmal zum Pflegefall zu werden, ist im Zuge einer voranschreitenden Lebenserwartung deutlich gestiegen. Und wer selbst auf Pflege angewiesen ist, freut sich ungemein über Menschen, die professionell und ausgeschlafen arbeiten; und im Idealfall auch noch anständig bezahlt werden.

Gleiches gilt für den Fall, als Angehöriger eines Tages mit einem Pflegefall konfrontiert zu sein; man mag es kaum glauben, aber auch das betrifft immer wieder mal einen Mann. Je mehr Wissen also über Pflege in der gesamten Gesellschaft vorhanden ist, desto eher kann dieses Wissen im häuslichen, privaten Umfeld zum Einsatz kommen. Männer in der Pflege also arbeiten als Vorreiter für eine gleichberechtigte Welt, indem sie Gedankengrenzen sprengen – und ja, auch, indem sie andere Männer ermutigen, sich frei zu machen von dem Bild des starken Mackers, der so ziemlich alles darf, nur nicht Patienten wie Herrn K. beim Stuhlgang zu helfen.

Diese Befreiung kann sich sogar wahrhaftig großartig anfühlen: Vor Kurzem geisterten Fotos einer Werbung für Klodüfte durch das Internet. Die Variante für Frauen war in rosa gehalten, für „WC-Püppchen“ stand darauf – mit Blütenstaub. Die Variante für Männer, ganz in Blau, wurde mit dem Slogan „Für Sprengmeister“ angepriesen. Es ist genau dieser Erfahrungsschatz, ja das wunderbare Wissen über den menschlichen Körper, das man insbesondere in der inneren Arbeitswelt erlernen darf. Wer nur mal für ein paar Wochen die Chance hat, Patienten in einem Heim oder in der ambulanten Pflege zu betreuen, wird erfahren, dass auch Frauen beim Klogang wahre Sprengmeister sein können – und so mancher Mann ein WC-Püppchen.

Quelle: SZ.de, 18.09.2017

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