Kurfürst mit Prunksucht

 GA-Serie Verschwundene Wahrzeichen: Das Schloss Herzogsfreude ließ Kurfürst Clemens August in Röttgen erbauen. Der ambitionierte Bauherr betrat allerdings die Residenz nie. Später wurde die Liegenschaft versteigert.

Kurfürst, Erzbischof, ambitionierter Bauherr, leidenschaftlicher Jäger: Clemens August Ferdinand Maria Hyazinth, kurz Clemens August I. (16. August 1700 bis 6. Februar 1761), war einer der wichtigsten geistlichen Reichsfürsten seiner Zeit. Der Nachwelt in Erinnerung geblieben ist er vor allem als prunkliebender Rokokofürst. Die passende Bühne für dieses ausschweifende Leben bildeten die vielen Schlösser und Residenzen, die er umbauen ließ oder neu errichtete und die heute einen Einblick in sein außergewöhnliches Leben geben.

Nicht nur in Brühl und in Bonn, auch in Röttgen begegnet man dem ehemaligen Kurfürsten immer noch auf Schritt und Tritt. Dort, am Rande des Kottenforstes, startete Clemens August regelmäßig mit seinem Gefolge zu der von ihm geliebten Parforcejagd in das wildreiche Waldrevier. Allerdings fehlte vor Ort ein repräsentatives Anwesen für das gesellschaftliche Leben abseits der Jagd. Also musste mit Schloss Herzogsfreude ein repräsentatives Domizil inmitten der Natur her.

Der Prachtbau wurde zwar fertiggestellt und auch teilweise möbliert, jedoch starb Clemens August 1761 und besuchte sein Schloss nicht mehr. Auch seine kurfürstlichen Nachfolger betraten es nicht. Heute sind keine Ruinen oder Überreste des Gemäuers mehr zu sehen. Nur das mit dem Schlossbau entstandene Jägerhäuschen, das heute von der Forstverwaltung genutzt wird, und die Sankt-Venantius-Kapelle an der Reichsstraße, die ebenfalls von Clemens August I. errichtet wurde, sind erhalten geblieben. Bauteile des Schlosses sollen zudem bei der Errichtung des Forsthauses in Röttgen verwendet worden sein.

Wie die Residenz genau ausgesehen hat, das lässt sich auf einigen zeitgenössischen Zeichnungen erkennen. Zudem gibt es seit 1984 auf dem Schlossplatz in Röttgen ein kleines Bronzemodell der kompletten Anlage. Errichten ließ Clemens August den Barockbau in der Zeit zwischen 1753 bis 1755. Zuvor war der Kottenforst erstmals systematisch vermessen worden, um Alleen für die Jagd anzulegen. Sie wurden schnurgerade aufgeschüttet und erhielten wegen des nassen Untergrunds zu beiden Seiten kleine Entwässerungsgräben.

Schloss Herzogsfreude war ein imposantes Gebäude. Allein das Hauptgebäude soll ohne die Seitenflügel eine Länge von 70 Metern sowie 19 Fensterachsen gehabt haben. Eine prächtige Auffahrt führte zum Portal des dreistöckigen Hauptgebäudes, das von symmetrischen Seitenflügeln ergänzt wurde.

Die Französische Revolution, die schließlich zur Besetzung des linksrheinischen Rheinlandes führte, brachte grundlegende Änderungen. Im Jahre 1794 ergriff der letzte amtierende Churfürst von Cöllen, Maximilian Franz von Österreich, vor den einmarschierenden französischen Truppen die Flucht. 1803 wurden alle Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reiches aufgelöst.

Eigentümer des leerstehenden Schlosses Herzogsfreude wurde der französische Staat, der es im Juni 1804 versteigerte. Den Zuschlag für  „les restes du château des Roetgen“ – wie das amtliche Verkaufsprotokoll vermerkt – bekam der Bonner Dachdecker Peter Lander für 3550 Francs. Er ließ das Schloss in den nächsten Jahren Stück für Stück abtragen. Ziegel, Steine, Bodenbeläge, Kupferbedachung und weitere Baumaterialien wurden verkauft. 1810 war das Schloss bereits fast ganz verschwunden. Heute erinnern nur noch Straßennamen wie „Schlossplatz“, „Kurfürstenplatz“ und „Herzogsfreudenweg“ an den ehemaligen Prachtbau von Röttgen.

In der Venantiuskapelle finden sich noch Spuren des Kurfürsten. So hatte man auf dem Dachboden des alten Pfarrhauses vor Jahren zwei Kirchengewänder von Clemens August gefunden. Die lagern zwar mittlerweile in der Asservatenkammer des Erzbistums. Dafür hängt im Eingangsbereich von St. Venantius eine Kopie der Stiftungsurkunde des Kurfürsten vom 30. Oktober 1740. Zudem gibt es in dem kleinen Gotteshaus vier Ölgemälde aus dem 18. Jahrhundert, die einst wahrscheinlich im Schloss Herzogsfreude gehangen haben.

Das alte Kreuz mit einem filigran gearbeiteten Corpus aus Eifelbein, das heute die Altarkrone in Röttgens Pfarrkirche Christi Auferstehung ziert, stand einst in einer kleinen Betnische neben dem Salon im Erdgeschoss des Kurfürstlichen Schlosses. Nach Abbruch der Residenz kam es in die Venantiuskapelle, wo es über Jahre einen Seitenaltar zierte. Irgendwann wurde es abgehangen und mit anderen Gegenständen in einer Kiste auf dem Dachboden verstaut. Nur durch Zufall wurde es entdeckt und in die moderne Arbeit über dem Altar von Christi Auferstehung implementiert.

Quelle: , General-Anzeiger Bonn, Gabriele Immenkeppel, Kurfürst mit Prunksucht, abzurufen unter: https://ga.de/bonn/hardtberg/verschwundene-wahrzeichen-das-schloss-herzogsfreude-in-roettgen-machte-seinem-name-alle-ehre_aid-53846055 (09.10.2020)