Mehr Sicherheit durch kontaktlosen Hausnotruf

 Nicht nur Senioren schätzen den Hausnotruf. Johanniter und Malteser bieten neuerdings die kontaktlose Installation an, weil viele Kunden das in Corona-Zeiten wünschen.

Der chronisch kranke Mann war mit Corona infiziert und hatte starke Symptome. Er wurde behandelt und überstand die Infektion. Und er entschied, sich einen Hausnotruf einzurichten. Er orderte das entsprechende Gerät beim Johanniter Regionalverband Bonn/Rhein-Sieg/Euskirchen, und weil er gerade selbst erlebt hatte, wie gefährlich das Virus ist und direkte Kontakte zu anderen Menschen sein können, wollte er das Gerät lieber selber installieren.

Ein Johanniter-Mitarbeiter legte ihm das Gerät vor die Haustür und leitete den Mann am offenen Fenster mit Sichtkontakt durch die Einrichtung des Systems.

Erhöhtes Sicherheitsbedürfnis in Zeiten von Sars-CoV-2

„Das hat dann sehr gut geklappt“, sagt Heike Nolden, Abteilungsleiterin beim Johanniter Regionalverband, der in Corona-Zeiten eben dieses neue Angebot für den Hausnotruf hat: die kontaktlose Installation.

„Wir haben festgestellt, dass interessierte Menschen ihre Termine verschoben haben. Gleichzeitig aber gibt es ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis“, sagt Nolden. Auch, weil die Einrichtungen der Tagespflege geschlossen seien und dort derzeit keine Pflegebedürftigen betreut werden könnten.

Kollegen kommen in Schutzkleidung zur Installation

Es gebe viele Menschen, die den Schutz wollten. Rund ein Viertel der Interessierten hätte aber Sorgen geäußert wegen des zu erwartenden Besuchs von einem Mitarbeiter für die Installation des Hausnotrufs.

„Wenngleich die Kollegen ja in Schutzkleidung kommen“, so Nolden. Allerdings gebe es dennoch eine Reihe von Kunden, die direkte Kontakte nicht haben wollten.

Hilfssystem kostet etwa 23 Euro im Monat

Über den Hausnotruf holt sich der Teilnehmer in Notsituationen per Knopfdruck schnelle Hilfe. Das System ist 365 Tage rund um die Uhr einsatzbereit. Nach der Notrufauslösung per Funksender wird von der Basisstation des Teilnehmers per Telefon automatisch eine Verbindung zu der jeweiligen Zentrale hergestellt. Der Hilfesuchende kann dann mit einem geschulten Mitarbeiter des Notruf-Anbieters sprechen und mitteilen, was passiert ist. Dieser leitet dann die entsprechenden Hilfsmaßnahmen ein.

Neben den Johannitern, dem DRK und den Maltesern bieten auch der Arbeiter-Samariter-Bund, Caritas und Diakonie den Service an. Er wird von den Pflegekassen als Hilfsmittel anerkannt. Der Basispreis liegt im Schnitt bei 23 Euro pro Monat plus Anschlussgebühr, die je nach Anbieter bis zu 70 Euro beträgt. Es können Leistungen zugebucht werden wie SOS-Notfalldose oder wöchentlicher Anruf. Weitere Informationen haben die jeweiligen Anbieter im Internet zusammengestellt.

Vor allem Ältere haben Angst

Auch die Malteser Bonn/Rhein-Sieg haben diesen Service eingerichtet, weil sie festgestellt haben, dass sich viele, vor allem ältere Menschen, zurückziehen. „Allerdings ist die Nachfrage bei uns noch nicht sehr hoch“, sagt Ruth Horn-Busch, Leiterin Soziale Dienste bei den Maltesern.+

Quelle: https://www.general-anzeiger-bonn.de/region/sieg-und-rhein/johanniter-und-malteser-bieten-kontaktlosen-hausnotruf-an_aid-50497237 [14.05.2020].

Pflege-Tipps bei Demenz: Teilnahmslosigkeit soll nicht sprachlos machen

Schöne Gerüche, Lieblingsmusik: Auch wenn Pflegebedürftige teilnahmslos sind, gibt es weiter Dinge, die ihnen guttun. Vor allem der Blick in die Vergangenheit kann dann sinnvoll sein.

Keine Reaktion, keine Regung mehr: Gerade bei einer fortgeschrittenen Demenz sind Betroffene oft teilnahmslos. Für pflegende Angehörige ist das eine große Belastung – unter anderem, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Ein wichtiger Tipp der Zeitschrift „Pflege und Familie“: Wer teilnahmslose Menschen pflegt, sollte selbst nicht verstummen. Konkret bedeutet das: Auch wenn die Eltern oder Großeltern nicht mehr antworten, sollte man weiter mit ihnen sprechen – ihren Namen sagen, vom eigenen Alltag erzählen oder in Erinnerungen schwelgen. Auch Körperkontakt ist teilnahmslosen Menschen weiter wichtig.

Zusätzlich können pflegende Angehörige versuchen, Geruchs- oder Geschmackssinn anzuregen: mit intensiv riechenden Körperlotionen oder Gewürzen im Essen zum Beispiel, vielleicht mit Aromaölen in einer Duftlampe. Und auch Musik empfinden Betroffene oft als angenehm – allerdings nicht als Dauerbeschallung, sondern eher mit gezielt ausgesuchten Lieblingsstücken, ein- bis zweimal am Tag.

Allerdings sollten sich pflegende Angehörige bei anhaltender Teilnahmslosigkeit auch an einen Arzt wenden. Der kann klären, ob vielleicht andere körperliche oder psychische Gründe dahinterstecken. Das gilt vor allem, wenn das Problem nicht mit einer Demenz einhergeht: Nach einem Schlaganfall zum Beispiel ist Teilnahmslosigkeit möglicherweise ein Anzeichen für eine Depression.

Quelle: https://www.general-anzeiger-bonn.de/ratgeber/familie/teilnahmslosigkeit-soll-nicht-sprachlos-machen_aid-49531409 [13.03.2020]

Für Schwerbehinderte gibt es einen Pauschbetrag

Bei der GA-Telefonaktion hatten viele Leser Fragen zur Einkommenssteuererklärung. Neue Regeln zum Jobticket.

BONN. Der Beratungsbedarf für die Steuererklärung 2018 war groß. Viele Leser nutzten die Gelegenheit, den Rat der Steuerberater einzuholen, die an unserer GA-Telefonaktion teilnahmen. Hier einige Fragen der Leser und die Antworten der Experten.

Ich habe vor fünf Wohen meinen Steuerbescheid erhalten, der eine Schätzung enthält. Kann ich hiergegen noch Einspruch erheben?

Nein, leider nicht, nach Erhalt des Steuerbescheids, haben Sie vier Wochen Zeit, um Einspruch dagegen zu erheben.

Ich habe meinen Lebensmittelpunkt gemeinsam mit meiner Ehefrau in Bonn und arbeite in Norddeutschland, wo ich die Woche über in einem Appartement wohne. Kann ich die Kosten für die auswärtige Wohnung steuerlich geltend machen?

Ja, die Kosten für die Wohnung an Ihrem Arbeitsplatz können Sie als Werbungskosten für eine doppelte Haushaltsführung in Ihrer Steuererklärung angeben.

Ich bin nur halbtags beschäftigt und verdiene nicht viel. Muss ich trotzdem Steuern zahlen?

2018 betrug der Grundfreibetrag 9000€. Erst ab dieser Grenze muss das Einkommen versteuert werden.

Meine Frau und ich haben eine Rentenerhöhung erhalten. Müssen wir jetzt auch höherer Steuern zahlen?

Ja, wenn das zu verstehende [sic!] [versteuernde] Einkommen über dem für 2018 geltenden Grundfreibetrag in Höhe von 18.000€ für Verheiratete und 8.000€ für Ledige liegt. Wenn Ihr zu versteuerndes Einkommen unter diesem Betrag liegt, brauchen Sie keinen Steuern zu zahlen. Sind Sie unsicher oder liegen mit Ihren Einnahmen an der Grenze, ist es sinnvoll, einmal eine Steuererklärung abzugeben, damit sie dann für die nächsten Jahre – sofern sich an den Einnahmen nichts ändert – davon befreit werden können.

Kann ich Renovierungsarbeiten im Haus steuerlich geltend machen?

Für Renovierungs-, Erhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen können Sie eine Steuerermäßigung in Höhe von 20 Prozent der Lohnkosten des Handwerkers, aber maximal 1200€ im Jahr, in Anspruch nehmen. Handwerker müssen Rechnungen stellen und Sie müssen die Summe überweisen

Ich bin Witwe, mein Mann ist vor einen Jahr gestorben, und wir haben nie eine Steuererklärung abgegeben. Bin ich jetzt dazu verpflichtet?

Im Jahr des Todes und im folgenden Jahr werden Sie wie Eheleute behandelt. Für Sie gilt der sogenannte Splittingtarif mit dem dafür geltenden doppelten Grundfreibetrag (Gnadensplitting).

Wir haben zu mehreren Personen ein vermietetes Haus geerbt. Wie müssen wir das steuerlich anmelden?

In diesem Fall muss eine gesonderte Feststellungserklärung zur Feststellung und Verteilung der Einkünfte beim Finanzamt eingereicht werden.

Sollte ich die Kosten für meinen Zahnersatz in der Steuererklärung angeben?

Abhängig vom Familienstand, der Anzahl der Kinder und der Höhe der Einkünfte ist jedem Steuerpflichtigen eine bestimmte finanzielle Belastung im Krankheitsfall zumutbar. An darüber hinaus gehenden Belastungen, zum Beispiel nicht von der Krankenkasse übernommenen Krankheitskosten, Sehhilfen, Zahnersatz oder ärztlich verordneten Medikamenten beteiligt sich der Fiskus.

Ich habe seit kurzem einen Schwerbehindertenausweis. Kann ich damit meine Einkommenssteuerlast mindern?

Das Einkommenssteuergesetz sieht einen Behindertenpauschbetrag vor, dessen Höhe sich danach dem Grad der Behinderung richtet. Beträgt der Grad der Behinderung 100 Prozent, wird ein Pauschbetrag in Höhe von 1420 Euro gewährt. Für Blinde oder hilflose Menschen erhöht sich dieser Pauschbetrag sogar noch.

Ist mein Job-Ticket steuerfrei?

Seit Anfang 2019 können Arbeitgeber ihren Mitarbeitern den Weg zur Arbeit steuerlich attraktiver gestalten. Zuschüssen und Sachbezüge für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, etwa mittels Job-Ticket, sind dann von der Steuer befreit. Das müssen Arbeitnehmer wissen: Die steuerfreie Leistung wird bei der Einkommenssteuererklärung auf die Entfernungspauschale angerechnet.

Quelle: General-Anzeiger Bonn, 25.5.2019, www.ga-bonn.de

Die wichtigsten Fragen zum Thema „Schlaganfall“

 

Von Ulrike Strauch, General-Anzeiger Bonn, 17.05.2019

BONN. In Deutschland erleiden rund 270.000 Menschen pro Jahr einen Schlaganfall. Wie hoch sind die Überlebenschancen, und was lässt sich vorbeugend dagegen tun? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Bei der GA-Telefonaktion zum Thema „Schlaganfall“ haben Professor Christian Dohmen (Chefarzt der Neurologie an der LVR-Klinik Bonn), Professor Sebastian Paus (Chefarzt der Neurologie an den GFO Kliniken Troisdorf) und Professor Gabor Petzold (Leiter der Sektion für Gefäßerkrankungen des Gehirns der Neurologischen Klinik am Uniklinikum Bonn) die Fragen der Leser beantwortet.

Wie kann ich eigentlich sicher sein, dass ich in eine Klinik gebracht werde, die über eine auf Diagnose und Therapie des Schlaganfalls spezialisierte sogenannte Stroke Unit verfügt?

Bei Verdacht auf einen Schlaganfall fährt der Rettungsdienst die nächste Klinik mit einer solchen Stroke Unit gezielt an, denn bei Verdacht auf einen Schlaganfall zählt jede Minute. Linksrheinisch sind das die LVR-Klinik Bonn und das Universitätsklinikum Bonn sowie rechtsrheinisch die GFO Klinik Troisdorf-Sieglar.

Was geschieht bei der Akutbehandlung eines Schlaganfalls?

Entscheidend ist die bildgebende Diagnostik im Kernspintomographen (MRT), um das betroffene Gefäß schnell zu lokalisieren. Bei 85 Prozent der Fälle ist ein Gefäßverschluss und bei 15 Prozent eine Hirnblutung die Ursache. In der Akuttherapie gilt die Thrombolyse bislang als beste Option; und zwar innerhalb von viereinhalb Stunden nach Auftreten der Symptome.

Und was, wenn man mit einem Schlaganfall aufwacht oder sich nicht mehr verständlich machen kann, um zu erklären, wann diese Symptome genau aufgetreten sind?

Neueste Studien haben jetzt gezeigt, dass eine Thrombolyse auch später noch wirken kann. Eine Auswertung der Schnittbilder des MRT gibt Aufschluss über das biologische Alter des Schlaganfalls und den Zustand des umliegenden Gewebes. Sollte eine Lyse-Therapie nicht mehr infrage kommen, kann manchen Patienten die Thrombektomie – die Entfernung des Gerinnsels mit einem Katheter – helfen. Das ist derzeit nur bei größeren Gefäßen möglich. Die Technik wird sich aber sicher noch verfeinern.

Bei mir wurde Vorhofflimmern diagnostiziert. Reicht eine vorbeugende Einnahme von Aspirin aus, um mich vor einem Schlaganfall zu schützen?

Nein. Als Vorbeugung bringt es nichts und besitzt wegen der erhöhten Blutungsgefahr ein ausgeprägtes Risikoprofil. Für Patienten mit Vorhofflimmern gibt es spezielle gerinnungshemmende Medikamente. Lange war das Marcumar, wobei sich die für den Patienten festgelegten Gerinnungswerte oft nur schwer und selten über lange Zeit konstant halten ließen. Inzwischen gibt es neue Medikamente. Diese oralen Antikoagulanzien (NOAK) werden als Tablette eingenommen. Eine Kontrolle des Gerinnungswertes ist nicht mehr nötig. Außerdem gibt es unter diesen Medikamenten nur noch halb so viele Gehirnblutungen.

Bei mir wurde eine Verengung der Halsschlagader festgestellt. Sollte ich mich nun operieren lassen?

Grundsätzlich werden Patienten mit einer Verengung ohne Beschwerden zunächst mit blutverdünnenden und cholesterinsenkenden Medikamenten behandelt. Als erstes muss man wissen, wie hochgradig die Verengung ist, ob sie schon zum Schlaganfall geführt hat und welche weiteren Risikofaktoren vorliegen. Maßgebend ist die Ultraschalluntersuchung der Carotis. In einer neurologischen Spezialsprechstunde für Gefäßerkrankungen des Gehirns wird dann das weitere Vorgehen besprochen.

Wie ernst sollte man kurze vorübergehende Symptome wie Taubheitsgefühle, Seh- oder Sprachstörungen nehmen?

Solche transitorisch ischämischen Attacken (TIA) erschrecken die Patienten zunächst, doch dann ist es schon wieder vorüber, und der Besuch beim Arzt wird verschoben. Das kann fatale Konsequenzen haben, wenn einer vorübergehenden Embolie dann die nächste folgt, die sich nicht mehr von allein auflöst. Eine TIA erhöht das Risiko und sollte also immer ernst genommen werden. Man kann sie auch als Warnung sehen, als Chance, einen schweren Schlaganfall mit lebenslangen und teils schweren neurologischen Folgeschäden noch rechtzeitig zu verhindern.

Was kann ich selbst dazu tun, um einen Schlaganfall zu vermeiden?

Ein Schlaganfall kann jeden treffen, wobei die Wahrscheinlichkeit im Alter steigt. Auch genetisch bedingte Ursachen können eine Rolle spielen, lassen sich aber nicht beeinflussen. Wer das Risiko gering halten möchte, kann seine Lebensführung danach ausrichten. Das bedeutet: regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf das Rauchen sowie auf übermäßigen Alkoholgenuss. Besteht ein erhöhtes Risiko, kommt es darauf an, Faktoren wie Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen rechtzeitig zu erkennen.

Wie sieht es mit Nachsorge aus?

Viele wünschen sich Verbesserungen. Das betrifft die Versorgung mit Hilfsmitteln, um körperliche Folgeschäden zu kompensieren, oder auch Medikamenten, um eine Spastik zu lindern. Physiotherapie macht auch langfristig Sinn.

Quelle: http://www.general-anzeiger-bonn.de/besser-leben/gesund/Die-wichtigsten-Fragen-zum-Thema-Schlaganfall-article4108789.html 20.5.2019

Vielschichtiges Angebot für betreutes Wohnen

Viele Senioren denken über betreutes Wohnen nach. Wie diese Wohnform funktioniert und was man beachten sollte – ein Überblick.

Betreutes Wohnen ist eine beliebte Wohnform im Alter. Doch hinter dem Begriff verbergen sich viele Wohnvarianten, er führt zu Missverständnissen. Serviceleistungen gehören dazu, persönliche Betreuung eher nicht. Ein Überblick.

Das Konzept: Beim betreuten Wohnen – auch Wohnen mit Service oder Seniorenwohnen genannt – leben Senioren eigenständig in Wohnungen. Inklusive ist meist eine Basisversorgung, zu der ein Hausnotruf gehört, oft auch ein Hausmeisterdienst und ein fester Ansprechpartner, der Hilfeleistungen vermittelt. Die Bewohner können gegen Entgelt Wahlleistungen wie einen Mahlzeitenservice buchen, hauswirtschaftliche Dienste oder ambulante Pflege. Solche Konzepte gibt es in unterschiedlichsten Varianten, etwa als eigenständige Wohnkomplexe inmitten eines Siedlungsgebietes, oder sie sind an ein Alten- und Pflegeheim angegliedert. Das Angebot richtet sich eher an Senioren, die sich selbstständig versorgen können.

Der Vertrag: Bewohner schließen einen Miet- sowie einen Dienstvertrag ab, der die Basisversorgung regelt. Beide Verträge sind meist verknüpft und nicht einzeln zu kündigen. Über weitere Verträge sollten die Wahlleistungen zu vereinbaren sein. „Die Leistungen sollten nach Bedarf gewählt werden können und auch wieder zu kündigen sein“, rät Gisela Rohmann, Pflegeexpertin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Die Qualität: Betreutes Wohnen ist kein gesetzlich geschützter Begriff, verbindliche Standards gibt es nicht. Wichtig ist, dass die Wohnungen barrierefrei sind, die entsprechende Din-Norm 18040-2 gehört in den Mietvertrag. Ferner sollte im Dienstvertrag genau beschrieben werden, in welchem Umfang Leistungen abrufbar sind, zu welchen Zeiten sie zur Verfügung stehen und was sie kosten. Das gilt auch für die Wahlleistungen. In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gibt es Gütesiegel für betreutes Wohnen, die Standards definieren. Ferner legt die Din-Norm 77.800 Mindestanforderungen fest.

Die Kosten: Beim betreuten Wohnen fällt eine Miete an, plus eine Pauschale für die Grundversorgung sowie Kosten für Wahlleistungen. Die Miete orientiert sich an der ortsüblichen Vergleichsmiete, ein Aufschlag für Barrierefreiheit ist einzurechnen. Für die Grundversorgung fallen oft zwischen 60 und 150 Euro an, es gibt aber auch günstigere und weit teurere Angebote. Grundsätzlich bestehen keine einheitlichen oder festgeschriebenen Preise für betreutes Wohnen. Die Kosten müssen Senioren in der Regel selbst tragen. „Interessenten sollten genau durchkalkulieren, ob sie sich die Anlage auch leisten können, wenn sie später noch Wahlleistungen hinzubuchen müssen“, empfiehlt Rohmann. Bei Pflegebedürftigkeit können Betroffene Leistungen der Pflegekasse für einen ambulanten Pflegedienst in Anspruch nehmen.

Quelle: General-Anzeiger Bonn, Annette Jäger, Fritz Himmel, 07.01.2019

Zuhause bis ins hohe Alter

Nur nicht ins Heim! Die meisten Menschen möchten, auch wenn sie älter, krank und gebrechlich werden, in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Auf die Angehörigen kommt damit eine große Last und Verantwortung zu. Aber es gibt Möglichkeiten, sich Unterstützung zu beschaffen.

Für ältere Menschen, die ausreichend Platz haben, ist die 24-Stunden-Betreuungskraft aus Osteuropa, meist aus Polen, eine gute Lösung. Sie lebt mit der zu betreuenden Person in Wohngemeinschaft, führt den Haushalt und unterstützt bei der Pflege. Im allseitigen Interesse ist es wichtig, eine gute Vermittlungsagentur zu finden, die Legalität garantiert. Das heißt, dass die Betreuungskraft rechtmäßig entsandt ist (A1-Bescheinigung) und dass Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer bezahlt werden. Damit der alte Mensch und die Betreuerin gut zueinander passen, ist es wichtig, dass schon im Vorfeld Informationen ausgetauscht werden. Top ist eine erfahrene Betreuerin mit guten Deutschkenntnissen und positiven Bewertungen.

Benötigt die betreute Person mehr Pflege als die Begleitung beim Aufstehen, bei der Körperpflege und beim Essen, muss zusätzlich ein ambulanter Pflegedienst in Anspruch genommen werden, der meist morgens und abends ins Haus kommt und bei der Körperpflege, bei Ernährung, Mobilisation und Lagerung unterstützt. Als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung übernimmt der Pflegedienst auch häusliche Krankenpflege, verabreicht Medikamente, wechselt Verbände, setzt Injektionen. Ein seriöser Pflegedienst informiert im Vorfeld – und bei jeder Veränderung – über die jeweiligen Kosten (Kostenvoranschlag). Diese richten sich nach dem individuellen Bedarf des Pflegebedürftigen. Ambulante Pflegedienste bieten die Beratung kostenlos an und helfen in der Regel auch, die notwendigen Anträge bei der Pflegeversicherung bzw. der Krankenkasse zu stellen.

Ein wichtiges Qualitätsmerkmal eines Pflegedienstes ist die Verlässlichkeit. Über Änderungen oder Verspätungen wird man rechtzeitig informiert, und man kann den Dienst rund um die Uhr erreichen – auch an Wochenenden und Feiertagen. Die meisten Pflegebedürftigen sind dankbar, wenn sie sich nicht an zu viele Betreuerinnen gewöhnen müssen. Und ganz wichtig: Die Chemie zwischen Pflegebedürftigem, Angehörigen und Pflegenden muss stimmen, damit die Pflege bestmöglich gelingt.

Quelle: General-Anzeiger online, 27.10.2018

Studie – Vier Millionen Pflegebedürftige bis 2035

Altenpfleger sind heute schon oft überlastet – doch die Pflegezahlen gehen künftig weiter steil nach oben. Auch digitale Technik soll laut Experten daher verstärkt zum Einsatz kommen.

Bis zum Jahr 2035 sind nach einer Studie voraussichtlich vier Millionen alte Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen. Ausgangspunkt der Berechnung sei die Versorgung der Bevölkerung der kommenden Jahrzehnte zu heutigen Bedingungen.

Die Zahl der Pflegefachkräfte müsse angesichts der steigenden Zahlen deutschlandweit bis 2035 um 44 Prozent auf rund eine halbe Million steigen, teilte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit. Damit die Betroffenen nicht immer höhere Eigenanteile für die Pflege zahlen müssten und die Pflege nicht zur „Politik nach Kassenlage“ werde, forderte das Institut eine automatische Anpassung der Leistungen der Pflegeversicherung an die Entwicklung der Pflegepreise. 2015 waren rund drei Millionen Menschen pflegebedürftig.

Vor allem in Ostdeutschland sei der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung hoch, mit zum Beispiel rund 5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bei 3,7 Prozent im Bundesschnitt. „Schon heute fehlen entsprechende Fachkräfte – und die Lücke wird stetig größer“, mahnte das Institut. Derzeit kommen laut IW auf 100 bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldete Stellen für Altenpfleger gerade einmal 22 arbeitslose Fachkräfte. Dabei werde nur etwa jede zweite offene Stelle bei der BA gemeldet. Als Altenpfleger arbeiteten derzeit 244.000 Menschen, dazu 228.700 Altenpflegehelfer. „Die Lücke wird größer“, sagte die IW-Expertin Susanna Kochskämper. Um einen Kollaps zu verhindern, müsse der Pflege-Beruf attraktiver werden.

Angesetzt werden sollte laut IW einerseits beim Geld. Altenpfleger verdienten mit 2621 Euro monatlich im Schnitt 19 Prozent weniger als Gesundheits- und Krankenpfleger, auch wenn die Löhne in den vergangenen Jahren gestiegen seien. Pflegehelfer müssten auch weitergebildet werden. Mit digitalen Mitteln könnten Pfleger zudem entlastet werden. Die Reformen und Pläne der Bundesregierung reichen laut IW nicht. So sei von der Zusammenlegung der Ausbildungen der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu erwarten, dass viele in die besser vergütete Krankenpflege gehen. Am Entwurf zum Pflegepersonal-Stärkungsgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bemängelte das IW, es bringe viel Bürokratie und solle zeitlich befristet gedeckelte Budgets bereitstellen.

In der vergangenen Woche hatten bereits die Gewerkschaften Alarm geschlagen. Laut einer Erhebung von DGB und Verdi fühlen sich hunderttausende Pflegekräfte durch Überlastung, Dauerstress und geringe Bezahlung ausgezehrt. Verdi setzt im Einklang mit dem Koalitionsvertrag auf einen neuen Tarifvertrag für die Pflege.

Laut einer weiteren neuen Umfrage sind aber auch die Angehörigen in hohem Maß zur Pflege bereit. 86 Prozent der Menschen in Deutschland geben eine grundsätzlich Bereitschaft an, nahe Angehörige mehrere Stunden in der Woche zu pflegen, wie Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) ermittelt hat. Rund zwei Drittel von ihnen würden dafür im Beruf kürzer treten und Stunden reduzieren, zwei von zehn sogar eine längere Auszeit nehmen. Das geht einher mit den eigenen Wünschen für den Pflegefall. Mit 83 Prozent möchte die große Mehrheit in der eigenen Wohnung versorgt werden. Knapp die Hälfte der Befragten kann sich ebenso vorstellen, bei Angehörigen gepflegt zu werden. 37 Prozent würden auch in ein Pflegeheim gehen.

Auch TK-Vizechef Thomas Ballast plädierte für einen stärkeren Einsatz digitaler Technik zur Entlastung von Pflegenden. So könnten etwa Sturzsensoren dazu beitragen, dass Pflegebedürftige länger selbstständig daheim leben könnten. Die Politik solle Anreize setzen, „damit es hier mehr Angebote gibt und sich diese digitalen Helfer in der Pflege schneller etablieren“, sagte Ballast. (dpa)

Quelle: General-Anzeiger online, 11.09.2018

Pflege Angehöriger – Kann man sich freistellen lassen?

Eine Pflegebedürftigkeit kann unerwartet eintreten – etwa wenn eine Person plötzlich stürzt. In einer solchen Situation brauchen Angehörige meist spontan frei, um die weiteren Schritte zu organisieren.

Aber dürfen Arbeitnehmer sich für die Pflege eines Angehörigen einfach freistellen lassen?

„Ja, das ist möglich“, sagt Peter Meyer, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht im Deutschen Anwaltverein. „Wenn es erforderlich ist, weil eine akute Pflegesituation besteht, können Angehörige bis zu zehn Arbeitstage der Arbeit fernbleiben“.

In dieser Zeit können sie etwa eine erforderliche stationäre oder ambulante Pflege organisieren oder die Pflege selbst durchführen. In der Regel erhalten sie dann – vergleichbar mit einem unbezahlten Urlaub – in dieser Zeit kein Gehalt. Der Chef kann als Nachweis eine ärztliche Bescheinigung verlangen, die die Pflegebedürftigkeit beweist.

Manchmal entscheiden Arbeitnehmer aber auch, dass sie sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen langfristiger kümmern wollen. „Pflegen Sie den Angehörigen zu Hause, haben Sie einen Anspruch auf vollständige Freistellung bis zu sechs Monate“, sagt Meyer. Dies müssen sie mindestens zehn Tage vorher dem Chef schriftlich ankündigen. Der Chef muss der Freistellung zustimmen, wenn er mehr als 15 Beschäftigte hat.

„Der Arbeitgeber zahlt in dieser Zeit in der Regel kein Gehalt, aber die Pflegeversicherung des Arbeitnehmers oder die private Pflegeversicherung des Pflegebedürftigen tragen die Beiträge zu der fortbestehenden Sozialversicherung.“ Vorsicht: Befristete Verträge verlängern sich nicht um die in Anspruch genommene Pflegezeit.

Will jemand einen Angehörigen häuslich pflegen und gleichzeitig in Teilzeit arbeiten, gilt etwas anderes: „Es besteht zwar grundsätzlich ein Anspruch auf eine teilweise Freistellung, den der Arbeitgeber aber bei dringenden betrieblichen Gründen ablehnen kann.“

Arbeitnehmer müssen mit ihrem Chef also eine Vereinbarung treffen. Weigert sich der Chef, muss der Arbeitnehmer auf teilweise Freistellung klagen. Hat der Arbeitgeber mehr als 25 Beschäftigte, dann ist nach dem Familienpflegezeitgesetz eine Reduzierung der Arbeitszeit für maximal 24 Monate möglich, wobei die wöchentliche Arbeitszeit mindestens 15 Stunden betragen muss.

Quelle: ntv.de, 09.07.2018

Personalmangel in der Altenpflege „Wir laufen auf eine Katastrophe zu“

Kurz vor der Wahl wird der Pflegenotstand zum Thema. Im Interview spricht Ökonom Stefan Sell von Niedriglöhnen und Personalmangel – und erklärt, weshalb Altenpfleger in die Gewerkschaft eintreten sollten.

Ein Interview von

Selten hat eine Bürgerfrage in einer Wahlsendung so viel Wirkung erzielt wie die von Alexander Jorde: Am 11. September konfrontierte der angehende Krankenpfleger in der ARD Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit seinem Berufsalltag. Die Würde des Menschen, laut Grundgesetz eigentlich unantastbar, werde in Wirklichkeit in Deutschland „tagtäglich tausendfach verletzt“. Es gebe einfach zu wenig Pflegepersonal.

Seitdem präsentiert vor allem die SPD Vorschläge gegen den Pflegenotstand: Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert ein Lohnplus von 30 Prozent für Altenpfleger. Parteichef Martin Schulz verspricht einen „Neustart in der Pflegestruktur“ binnen 100 Tagen und verbindliche Personalschlüssel – wofür sich auch Merkel einsetzen will.

Der Koblenzer Ökonom und Sozialwissenschaftler Stefan Sell befasst sich seit Jahren mit den Missständen in der Pflege. Er kritisiert, dass die Pflegemisere vor dem TV-Auftritt des Pflege-Azubis überhaupt keine Rolle im Wahlkampf gespielt habe und in den Programmen der Parteien stiefmütterlich behandelt werde. Tatsächlich finden sich dort – mit Ausnahme der Linken – kaum konkrete Forderungen, sondern eher unbestimmte Versprechen, sich des Themas anzunehmen.

Entsprechend skeptisch ist Sell, dass die Pflege von einer neuen Bundesregierung tatsächlich so hoch auf die Agenda gesetzt wird, wie es die Kanzlerin und ihr Herausforderer versprechen: „Darauf würde ich nicht wetten.“

  • Stefan Sell, Jahrgang 1964, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. Auf seinem Fachblog „Aktuelle Sozialpolitik“ setzt er sich mit den Tiefen und Untiefen der Sozialpolitik auseinander.

SPIEGEL ONLINE: SPD-Kandidat Martin Schulz verspricht einen „Neustart in der Pflegestruktur“, CDU-Kanzlerin Angela Merkel spricht von einer „großen Herausforderung“. Wie groß ist der Notstand in der Pflege wirklich?

Sell: Das kommt darauf an, was Sie mit „die Pflege“ meinen – die Altenpflege oder die Pflege in den Krankenhäusern? Das sind zwei sehr unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Strukturen und Problemen. Missstände gibt es zwar in beiden, aber in der Altenpflege laufen wir auf eine regelrechte Katastrophe zu: Bereits jetzt meldet die Bundesagentur für Arbeit einen flächendeckenden Mangel an Fachkräften. In Bremen – und nicht nur dort – dürfen einige Pflegeheime keine neuen Bewohner aufnehmen, weil sie nicht genügend Fachkräfte haben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist die Situation in der Altenpflege noch kritischer als bei der Krankenpflege?

Sell: Altenpfleger verdienen im Schnitt bis zu 30 Prozent weniger als Krankenpfleger. Ein examinierter Altenpfleger – also eine versierte Fachkraft mit einer Ausbildung von mindestens drei Jahren – bekommt nur unbedeutend mehr als ein Helfer in der Krankenpflege, dessen Ausbildung ein bis zwei Jahre dauert. Diese Lohnlücke zwischen Alten- und Krankenpflege muss dringend geschlossen werden.

SPIEGEL ONLINE: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert genau das: ein Lohnplus in der Altenpflege von 30 Prozent. Dafür soll der Beitragssatz zur Pflegeversicherung um einen halben Prozentpunkt steigen. Reicht das?

Sell: Ein halber Prozentpunkt klingt nach wenig, bedeutet in absoluten Zahlen aber Mehreinnahmen von 7,2 Milliarden Euro im Jahr – allein für die absolut dringendste Maßnahme. Für eine gute Pflege in beiden Bereichen werden wir insgesamt noch sehr viel mehr Geld zusätzlich ausgeben müssen. Immerhin stimmt die Finanzierungsrechnung für diese erste Maßnahme: Gesundheitsökonomen haben die Kosten für gleiche Löhne in Alten- und Krankenpflege mit 5,9 Milliarden Euro berechnet. Aber das Geld muss auch bei den Altenpflegern ankommen. Das wird absehbar nicht geschehen, wenn man sich darauf beschränkt, nur mehr Geld ins System zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Heimbetreiber das Geld in die eigene Tasche stecken würden?

Sell: Tatsächlich werden fast die Hälfte der Heime von privatgewerblichen Trägern betrieben – also von Unternehmen, deren Zweck es ist, Gewinn zu machen. Es wäre aber falsch, die Schuld allein bei ihnen zu suchen: Sie müssen betriebswirtschaftlich denken, das hat der Gesetzgeber bewusst so entschieden. Wenn man aber ein derart sensibles Gut wie die Altenpflege schon den Kräften des Marktes öffnet, muss man die Rahmenbedingungen so setzen, dass weder die Bewohner noch die Mitarbeiter darunter leiden. Und hier liegt einiges im Argen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Sell: Es gibt in der Altenpflege keine gesetzlich verbindlichen Personalschlüssel, sondern ein indirektes System: Abhängig vom Pflegegrad der Bewohner wird der Personalbedarf berechnet, wobei sich das von Bundesland zu Bundesland unterscheidet. Für den höchsten Grad 5 gilt derzeit zum Beispiel in Bayern ein Richtwert von 1,79 Pflegekräften pro Bewohner. Auf dieser Grundlage bekommen die Heime dann Geld von der Pflegeversicherung. In der Theorie funktioniert das, in der Praxis produzieren Sie damit aber strukturell einen Personalmangel.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das?

Sell: Angenommen, Sie betreiben ein Pflegeheim mit 50 Plätzen, sind voll belegt und haben ausschließlich Bewohner im höchsten Pflegegrad. Wenn Sie nun entsprechend dem Schlüssel Pflegekräfte fest anstellen, kommen Sie schnell in ein Dilemma: sobald nämlich einige ihrer Bewohner mit dem höchsten Pflegegrad versterben und die Bewohner, die Sie neu aufnehmen, niedrigere Pflegegrade haben. Für die bekommen Sie natürlich weniger Geld aus der Pflegeversicherung – auf ihrer Gehaltsliste stehen aber immer noch so viele Pflegekräfte wie zuvor. Aus diesem Grund kalkulieren die allermeisten Betreiber ihr Personal unter dem eigentlichen Bedarf.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren also für verbindliche Personalschlüssel, wie ihn jetzt sowohl Kanzlerin Merkel als auch Herausforderer Schulz ins Spiel bringen?

Sell: Ja, umso mehr, als die Pflegeversicherung eine Teilkaskoversicherung ist: Sie trägt ja nur einen Teil der Kosten, den anderen müssen die Bewohner und ihre Angehörigen selbst bezahlen – oder die Sozialämter. Ohne verbindliche Personalschlüssel ist die Versuchung für Betreiber groß, das zusätzliche Geld aus der Pflegeversicherung zum Beispiel dazu zu verwenden, die Eigenbeteiligung zu senken und sich so einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Selbstverständlich müsste nicht nur ein allgemeiner und verbindlicher Personalschlüssel eingeführt werden. Auch die derzeitige Fachkraftquote von 50 Prozent darf auf keinen Fall abgesenkt werden, wie das die privaten Heimbetreiber gerade fordern. Und selbstverständlich müsste den Betreibern zugestanden werden, ihr Personal auch dann halten zu können, wenn sich die Bewohnerstruktur wie im eben beschriebenen Szenario ändert. Sonst sparen sie nämlich an anderer Stelle zum Nachteil von Bewohnern und Mitarbeitern.

SPIEGEL ONLINE: Steigen bei einem verbindlichen Personalschlüssel automatisch die Löhne in der Altenpflege?

Sell: Das bleibt abzuwarten. In jedem Fall würde der Bedarf an Altenpflegern noch einmal steigen – und zumindest in der ökonomischen Theorie müssten die Heimbetreiber ordentlich mehr Geld bieten, um überhaupt Personal zu bekommen. Allerdings besteht in der Altenpflege ein starkes Kräftegefälle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen werden viele Heime von kirchlichen Trägern betrieben – und nach wie vor wird ihren Angestellten das fundamentale Recht zum Streik verwehrt. Und wo das nicht der Fall ist, sind zum anderen nur sehr wenige Pflegekräfte in einer Gewerkschaft, die gute Flächentarifverträge durchsetzen könnte. Man kann den Pflegekräften nur raten: Organisiert euch!

SPIEGEL ONLINE: Wenn es ohnehin bereits einen Fachkräftemangel gibt: Woher sollen die zusätzlich benötigten Altenpfleger denn kommen?

Sell: Die Lage ist tatsächlich schwierig, aber es gibt durchaus Potenzial: So steigt die Zahl derer, die eine Ausbildung absolvieren, auch weil einige Länder hier jüngst investiert und die Bedingungen verbessert haben – obwohl die Löhne so niedrig sind. Bei einem erheblichen Lohnplus dürften sich noch mehr Menschen für eine Ausbildung entscheiden. Außerdem arbeiten viele Pflegekräfte in Teilzeit, einige von ihnen könnten durch Anreize dazu gebracht werden, ihre Arbeitszeit zu verlängern. Viele Fachkräfte in der Altenpflege werden zudem durch eine qualifizierte Umschulung älterer Menschen gewonnen, das kann man weiter ausbauen. Und wenn das Berufsbild endlich aufgewertet wird, dann steigt auch die Ausbildungsnachfrage.

Quelle: Spiegel Online 22.09.2017

Heime am Limit: Deutschland droht ein Aufnahmestopp für Pflegebedürftige

Die Zahl der Pflegebedürftigen ist seit Jahresbeginn deutlich angestiegen. Bei den Pflegekassen waren vergangenes Jahr 2,75 Millionen Männer und Frauen registriert. Ende Juni 2017 waren es 3,1 Millionen und damit 350.000 Menschen oder 12,9 Prozent mehr.

Das geht aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage der Linke-Bundestagsfraktion hervor, wie die „Passauer Neuen Presse“ vom Dienstag berichtet.

Gegenüber 1999 ist die Zahl der Pflegebedürftigen um mehr als die Hälfte (54 Prozent) gestiegen, vor acht Jahren lag sie bei zwei Millionen. Wie aus der Antwort des Ministeriums hervorgeht, werden heute auch deutlich mehr Menschen ausschließlich zu Hause von ihren Angehörigen versorgt. Hier stieg die Zahl von einer Million im Jahr 1999 auf 1,4 Millionen im Jahr 2015. Die Hälfte der Pflegebedürftigen wurde 2015 daheim betreut.

Fast doppelt so viele Pfleger wie zur Jahrtausendwende

Seit 1999 hat auch das Pflegepersonal erheblich zugenommen. Bei ambulanten Pflegediensten waren 1999 183.000 Menschen beschäftigt, 2015 waren es 355.000, also fast doppelt so viele. In Pflegeheimen stieg die Zahl der Beschäftigten von 441.000 auf 730.000.

Die Linksfraktion sieht im starken Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen ein Alarmsignal: „350.000 pflegebedürftige Menschen mehr in sechs Monaten offenbaren einen gewaltigen politischen Handlungsbedarf“, sagte Vizefraktionschefin Sabine Zimmermann der „Passauer Neuen Presse“.

Heime verhängen Aufnahmestopps

Die bisherige Politik setze auf Angehörige als „Ersatzpflegedienst der Nation“. „Während in Pflegeheimen Aufnahmestopps verhängt werden, weil Pflegekräfte fehlen, sollen die Angehörigen noch stärker in die Bresche springen“, erklärte die Linke-Politikerin.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz erklärte bereits am Montag, es gebe einen dramatischen Personalmangel und strukturelle Probleme. In der Altenpflege werde die Würde der Menschen „mit Füßen getreten in vielen Fällen“. Sollte er Bundeskanzler werden, wolle er einen „Neustart in der Pflege“ initiieren – und zwar innerhalb der ersten 100 Regierungstage. Nötig seien mehr Personal in der Pflege, eine bessere Bezahlung der Pfleger und mehr Plätze für Pflegebedürftige.

Quelle: focus.de, 21.09.2017

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