Taub geboren: Neue Gentherapie soll Gehörlosen helfen

Gehörverlust betrifft weltweit rund 250 Millionen. Etwa die Hälfte der Betroffenen leidet an genetisch bedingten Hördefekten.

Eine Assistentin legt am Mittwoch in der Audiometrie des Universitätsklinikums Jena einem Patienten Elektroden an.

Mehr als hundert Gene beziehungsweise Mutationen von ihnen sind beteiligt. Hier könnte eine Gentherapie eventuell Hilfe bringen. US-Wissenschaftern gelang dies jetzt erstmals gut an Mäusen.

Zwei entsprechende Studien sind am Montag in „Nature Biotechnology“ erschienen. In der ersten Untesuchung konnten die Experten zeigen, dass man mit einer auf der Basis von Adenoviren entwickelten künstlichen „Genfähre“ (Anc80L65) sehr gut neue Geninformationen ins Innenohr in die Gehörschnecke (Cochlea) transferieren kann.

Die Studien erfolgten an einem Mausmodell. 80 bis 90 Prozent der sensorischen Haarzellen, für welche die neuen Geninformationen gedacht waren, wurden mit dem Vektor infiziert und bauten die neue Erbsubstanz – in diesem Fall noch ein Gen zur farblichen Markierung des Prozesses – in ihre DNA ein.

In der Cochlea befindet sich das mit feinen Haarzellen versehene Cortische Organ. Die Haarzellen wandeln die von außen kommenden Schwingungen in elektrische Signale um und geben diese über den Hörnerv an das Gehirn weiter.

An der Studie zu den synthetischen Gen-Vektoren hat auch der Wissenschafter Lukas Landegger mitgearbeitet, der früher an der HNO-Universitätsklinik in Wien (MedUni Wien/AKH) gewesen ist und jetzt in Boston forscht.

Den nächsten Schritt vollzog ein Wissenschafterteam um Gwenaelle Geleoc von der Harvard Medical School (Boston/USA). Die Experten erprobten die Technologie an Mäusen, die durch Genmodifikationen ab der Geburt am sogenannten Usher-Syndrom vom Typ 1c litten.

Das Usher-Syndrom ist beim Menschen eine relativ selten auftretende erblich bedingte Schädigung. In den USA leiden daran 16.000 bis 20.000 Menschen. Die Krankheit ist für drei bis sechs Prozent der Fälle von Taubheit im frühen Kindesalter verantwortlich.

Die Erkrankungsform vom Typ 1 ist die schwerste und mit zunehmendem Hörverlust, Schwindelzuständen durch schwächer werdenden Gleichgewichtssinn und zunehmenden Sehvermögen charakterisierte Variante.

Die einzige Gegenmaßnahme stellen bisher Innohrimplantate (Cochlearprothesen) dar, welche das Hörvermögen wieder herstellen können.

Nur für das Usher-Syndrom vom Typ 1c gibt es laut den Wissenschaftern um Gwenaelle Geleoc ein passendes Tiermodell bei Mäusen. Tieren, welche den entsprechenden Gendefekt aufwiesen, seien taub und würden Gleichgewichtsstörungen haben, schrieben die Experten.

Ein Monat nach der Geburt sei bereits ein Absterben der sensorischen Härchen im Innenohr zu sehen.

Um einen Effekt der Gentherapie zu zeigen, injizierten die Wissenschafter den Tieren „Genfähren“ mit den Genen der Proteine Harmonin-a1 oder Harmonin-b1 bzw. beider Proteine.

Ausschlaggebend für den Effekt war offenbar das Harmonin-b1-Gen. Jene Versuchstiere, die diese Erbanlage (mit oder ohne jener von Harmonin-a1) erhielten, zeigten zu einem hohen Anteil nach sechs Wochen ein erstaunlich gutes Hörvermögen, das an jenes von gesunden Tieren heranreichte (16 von 25 Tiere).

Gleichzeitig normalisierte sich in Versuchsanordnungen offenbar der Gleichgewichtssinn. Schließlich zeigte sich, dass die experimentelle Therapie auch die Zahl und das Aussehen der für die Umsetzung von akustischen in elektrische Impulse verantwortlichen Sinneshärchen im Innenohr weitgehend „reparierte“.

„Wenn man die in diesen Studien verwendete Virus-Technologie in die klinische Praxis (an Menschen; Anm.) überführen könnte, wäre das ein Durchbruch bei den Möglichkeiten zur Behandlung von genetisch bedingten Erkrankungen des Innenohres“, hieß es in einer Aussendung von „Nature Biotechnology“.

Quelle: Salzburger Nachrichten

Stimmen zur Digitalen Transformation im Gesundheitswesen

Digitalisierung im Gesundheitswesen – spanned wie Ritterfussball.

Die sog. „Medizin 4.0“ steht bereits in der offenen Tür der deutschen Gesundheitsversorgung. Die Digitalisierung wird die Gesundheitswirtschaft in den nächsten Jahren deutlich verändern. Dies betrifft neben den Kostenträgern und Leistungserbringern vor allem auch Versicherte und Patienten. Diese werden aufgrund der Verwendung digitaler Lösungen eine aktivere Rolle als souveräne Kunden einnehmen.

Digitalisierung wartet nicht.
Prof. Dr. Arno Elmer, Innovation Health Partners (vormals Hauptgeschäftsführer der gematik).

„Digitalisierung bietet die Chance die Versorgung, die Effizienz und die Wirtschaftlichkeit des deutschen Gesundheitswesens kurzfristig, nachhaltig und signifikant zu verbessern. Dafür werden willige und mutige Partner, Personen und Institutionen sowie rechtliche und finanzielle Handlungsspielräume und vor allem keine Verbote (Verbotsvorschriften) benötigt“, so Prof. Dr. Arno Elmer, der bis Mitte 2015 als Hauptgeschäftsführer der gematik, Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH für den Turnaround des größten europäischen eHealth-Projekts verantwortlich war.

Digitalisierung ist nicht zimperlich, sondern so wie Eishockey im Sport: schnell, hart und technisch anspruchsvoll.

Der digitale Wandel macht vor keiner Branche halt: Medien, Handel und Logistik, Banken und auch Ingenieurwesen sowie Maschinenbau sind zum Teil dabei sich neu zu erfinden. Folgende Fragen spielen dabei eine Rolle: Wird auch das so unbewegliche Gesundheitswesen durchgerüttelt werden, so wie es in den anderen Branchen bereits passiert ist?

Eigene Darstellung.
Das Gesundheitswesen befindet sich in der Phase der digitalen Transformation – hier zu sehen die sog. „Hockeykurve“.

Wird es dann den Gesundheitsunternehmen ähnlich ergehen wie z.B. dem Unternehmen Kodak, die die digitale Fotografie verschlafen haben, oder wie in dem Taxigewerbe, das plötzlich wie aus dem Nichts durch Uber auf den Kopf gestellt wird?

„Auto“ wird zum funktionellen Ort für Telemedizin.
Stefan Lummer, Chefredakteur BKK Dachverband

Stefan Lummer, Chefredakteur beim BKK Dachverband, äußerte sich zum Bereich Automobilindustrie mit den gesundheitsrelevanten Aussagen: „Die nahe Zukunft wird das Auto verändern. Die Manager der Autokonzerne arbeiten gerade mit den besten Köpfen daran, weltweites Wissen zu einem neuen Verständnis des mobilen Lebens zu bündeln. Ein Automobil wird zukünftig weit mehr können, als uns nur mobil zu machen. Die AUDI AG und ihr strategischer Partner, die Audi BKK, denken das Produkt „Auto“ neu und machen es zum funktionellen Ort für Telemedizin. Die AUDI AG ist in der Frage, wie können wir das Auto neu denken, innovativ. Dabei zieht der Autokonzern unmittelbaren Nutzen daraus, seine eigene Betriebskrankenkasse zu haben und involvieren zu können. Denn das Management kann aus dieser Quelle Wissen schöpfen, das strategisch relevant ist, beispielweise in der Verbindung, wie künftig die Menschen die Zeit im Auto nutzen und dabei ihre Gesundheit fördern zu können oder wie künftig die Menschen die Zeit im Auto sinnvoll für ihre Gesundheit nutzen können?“

Digitalisierung verbindet etablierte Gesundheitsakteure und die Industrie.

Aus dem Gesundheitswesen gibt es folgende Beispiele dafür: Online-Apotheken greifen heute schon die stationären Apotheken an. Derzeit wird eine digitale Krankenversicherung per App analog Oscar aus New York konzipiert. Das Krankenhaus 4.0 setzt auf die digitale Patientenakte, Startups und Entrepreneure bauen an Gesundheitsportalen, Online-Terminfindung oder auch digitalen Zweitmeinungsportalen. Wir sind mitten drin in einem Transformationsprozess, der nicht mehr aufzuhalten ist.

Digitalisierung im Gesundheitswesen bedeutet nicht nur den Stift durch die Tastatur zu ersetzen.
Christan Gehne, Experte für digitales Zuweisermarketing Kliniken Essen-Mitte

Christian Gehne, der als Experte für digitales Zuweisermarketing bei den Kliniken Essen-Mitte verantwortlich ist, weist auf folgende Veränderungen hin: „Digitalisierung bedeutet nicht nur den Stift durch die Tastatur zu ersetzen, sondern Prozesse und Strukturen zu implementieren, die den Anforderungen der Digitalisierung Rechnung tragen. Denn Bits und Bytes alleine lindern noch keine Krankheit – es gilt die Chancen der Digitalisierung mit den Möglichkeiten der Medizin sinnig zu verknüpfen.“

Wohin geht die digitale Reise?

Die etablierten Akteure im Gesundheitswesen halten krampfhaft an Traditionen fest, während eine neue Generation auf Watson und Dr. Google setzt und dabei hofft, ein „Einhorn“ auch im Gesundheitswesen auf die Beine zu stellen. Fraglich ist, ob sich dadurch auch die Interaktion zwischen dem Patient und dem Leistungserbringer verändern wird. In der Soziologie wird Interaktion bezeichnet als ein aufeinander bezogenes Handeln von zwei oder mehreren Personen. In der Informatik hingegen beschreibt die Interaktion Handlungen zwischen Mensch und Computer. Wie könnte es demnach im Gesundheitswesen aussehen? Fakt ist, Dr. Computer kennt keine Ermüdung, keine Flüchtigkeitsfehler, ist immer auf dem aktuellsten Stand der Forschung, kann sich mit einer Datenbank verknüpfen und komplexe Recherchen durchführen und Entscheidungen in Sekunden treffen. Es geht nicht um die Substitution des Arztes, sondern um die Übernahme von ärztlichen Tätigkeiten – insbesondere in der Diagnostik. Der Arzt kann sich auf Therapie die konzentrieren.  Seine zukünftigen Skills werden dann in Richtung Emphatie und Kommunikation gelenkt.

Zusammenfassend werden noch fünf Thesen zur Transformation im Gesundheitswesen zur Diskussion präsentiert:

  • These 1: Medizin wird weniger zufällig und wird auf mehr Daten und damit Evidenzen basieren.
  • These 2: Neue Geschäftsmodelle werden zur Transformation (und ggfs. Disruption) im Gesundheitswesen führen: „Uberization“ im Gesundheitswesen.
  • These 3: Muss ein Geschäftsführer eines Krankenhauses von morgen auch ein halber IT-ler sein? Die Entscheider im Gesundheitswesen von morgen werden sich darauf einstellen müssen, der digitalen Medizin gegenüber „intellektuell gewachsen“ zu sein.
  • These 4: Der Wert der Dialogkultur „Mensch-Mensch“ an sich steht derfremdgesteuerten Kultur durch Wearables und eingebaute Medizintechnik entgegen.
  • These 5: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist kein Trend – Sie geht nicht mehr weg.

Und bis es soweit ist, kann sich der Arzt weiterhin an seinem Fax-Gerät erfreuen und der Patient kann hoffen, dass der Akku für die Zeit im Wartezimmer ausreicht.

Quelle: Prof. Dr. David Matusiewicz

Die Grippewelle rollt durch Deutschland

Schniefen, räuspern, niesen, fiebern – die Grippe rollt über Deutschland hinweg. Die Viren sind aktuell deutlich aktiver, sagt das Robert-Koch-Institut. Das hat auch der Radiosender Star FM zu spüren gekriegt.

Quelle: N24/ Dirk Schommertz

85 Menschen sind bereits gestorben, die erste Klinik weist Patienten ab: In großen Teilen Deutschlands zirkuliert das Influenzavirus AH3N2. Vor allem Ältere sollten vorsichtig sein.

Die Grippe ist da, und zwar mit Wucht. Vor allem im Osten und im Süden Deutschlands sind viele Menschen erkrankt. Das Krankenhaus in Görlitz ist das erste, dass Patienten abweist, um weitere Infektionen zu vermeiden. Betroffen sind geplante Aufenthalte auf den Stationen Neurologie und Geriatrie. Um die Behandlung von Notfällen zu gewährleisten, werden zudem geplante Operationen verschoben und Patienten nach Möglichkeit vorzeitig entlassen. Die Betten im Krankenhaus sind laut Medizinischem Direktor fast vollständig belegt.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) warnt davor, die Krankheit zu unterschätzen. „Jeder, der sich krank fühlt und ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf hat, also ältere Menschen oder Personen mit chronischen Vorerkrankungen, sollte seinen Hausarzt konsultieren“, sagte Lothar Wieler in einem Interview der Dortmunder „Ruhr Nachrichten“. Das derzeit zirkulierende Influenza-AH3N2-Virus sei dafür bekannt, dass es bei älteren Menschen zu schweren Krankheitsverläufen führe.

Warum eine Grippeimpfung jetzt noch sinnvoll ist

Hohes Fieber und starke Gliederschmerzen – die typischen Symptome einer Grippe. Wer bereits erkrankt ist, sollte sich ausruhen und viel trinken. Wer sich schützen will, kann sich auch jetzt noch impfen lassen.

Quelle: Die Welt/Lena Mosel

Die Grippewelle habe früher begonnen und sei jetzt schon deutlich stärker als bei einem moderaten Verlauf. „Offiziell gemeldet sind bisher 27.000 Grippefälle aus dem gesamten Bundesgebiet, darunter 85 Todesfälle, insbesondere bei älteren Menschen.“ Es werden jedoch lange nicht alle gemeldet.

Die Symptome einer Grippe ähneln mit Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen sowie trockenem Reizhusten denen eines grippalen Infekts. Hinzu kommt oft hohes Fieber. Es gibt auch aber Grippefälle, bei denen kein Fieber auftritt.

Eine Grippeschutzimpfung könne noch sinnvoll sein, auch wenn der Aufbau des Impfschutzes etwa 14 Tage dauere, sagt Wieler. Unabhängig vom Impfstatus sollten alle Menschen die Hygieneempfehlungen beachten. Er rät, häufiger nach dem Händeschütteln die Hände gründlich zu waschen. „Wer bereits typische Symptome wie Husten oder Niesen hat, sollte aufpassen, niemanden anzustecken. Das heißt: Einwegtaschentücher benutzen und notfalls in den Ärmel husten.“

Lesen Sie auch: Was eine Grippe von einer Erkältung unterscheidet

Quelle: Welt24 dpa/smb

Trends in der Tumortherapie; Neue Medikamente, individuelle Therapien: 2017 schenkt Krebspatienten neue Hoffnung

Die Krebsforschung ist in diesem Jahr vorangekommen

Fast täglich erreichen uns Meldungen über Erfolge gegen Krebs. Meist handelt es sich um Ergebnisse aus dem Labor oder erste Studien mit wenigen Patienten. FOCUS Online stellt wichtige Neuerungen vor, die Patienten bereits in Anspruch nehmen oder wahrscheinlich noch in diesem Jahr erwarten können.

  • Rund zehn Krebsmedikamente stehen kurz vor der Zulassung.
  • Gezielte Therapien helfen auch manchem hoffnungslosen Fall.
  • Die klassischen Krebstherapien sind schonender und individueller geworden.

Jedes Jahr 500.000 Neuerkrankungen und 230.000 Tote quer durch alle sozialen Schichten, alle Altersgruppen – Krebs ist die Volkskrankheit schlechthin. Und weil Krebs auch die Angstkrankheit Nummer 1 ist, sind alle empfänglich für Nachrichten, die von „Durchbruch gelungen, endlich Hoffnung, jetzt heilbar …“ sprechen. Viele Patienten sind dann enttäuscht, wenn Ärzte doch nur die klassischen Drei anbieten können: Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. In der Krebsforschung tut sich derzeit zwar mehr als in den Jahrzehnten zuvor. Doch der Weg zur Therapie ist weit.

FOCUS Online hat zwei Experten gefragt, welche neuen Therapien, Medikamente und Tests schon im onkologischen Alltag angekommen sind: Jürgen Krauss, Sektionsleiter Klinische Immuntherapie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg und Ulrich Keilholz, Direktor am Comprehensive Cancer Center der Charité Berlin.

Jährlich 500.000 Krebsdiagnosen – und jede Erkrankung ist anders

Bisher sind 250 – manche Krebsforscher sprechen auch von 300 – Krebsarten und Subtypen bekannt. Sie unterscheiden sich, was Entstehungsgeschwindigkeit, Aggressivität, Neigung zur Metastasenbildung und damit Behandlungsmöglichkeiten und Überlebenschancen angeht. Die Krebsmedizin hat es jedes Jahr mit 500.000 neuen individuell unterschiedlichen Tumorgeschichten zu tun. Die Hälfte handelt von Darmkrebs, Lungenkrebs, Hautkrebs, Brustkrebs oder Prostatakrebs.

Die bedeutsamsten Neuerungen für Krebs kommen aus dem Pharmalabor. Aber auch die klassische Therapie hat sich verändert und verbessert:

  • OPs werden mit computergestützter Hightech-Navigation durchgeführt, oft ohne große Schnitte mit Schlüsselloch-Technik.
  • Bestrahlungen erfolgen in unterschiedlicher Intensität und zielgenau auf den Tumor – das umliegende Gewebe wird geschont.
  • Chemo-Wirkstoffe werden auf Basis der Tumorbiologie ausgewählt und kombiniert. Die zielgerichtete Therapie verbessert die Prognose.
  • Die kombinierte Radio-Chemo-Therapie soll Tumore schrumpfen und weniger radikale Operationen ermöglichen.
  • Generell wird die Therapie heute am Patienten und seinem Tumor ausgerichtet.

Und auch das gehört zu den Neuerungen gegen Krebs: Seit Anfang 2017 ist Cannabis zur Schmerzlinderung zugelassen worden. Für etwa 15 Prozent der Patienten, deren Krebs mit Schmerzen verbunden ist, wirkt Cannabis besser als andere Schmerzstiller.

Neue Medikamente zunächst nur im Rahmen von Studien

Mehr als 500 Krebs-Medikamente testen Unternehmen derzeit weltweit an Patienten. Laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller stehen etwa zehn neuartige Krebsmedikamente im Jahr 2017 vor der europaweiten Zulassung.

Die Palette reicht von einem Medikament gegen Übelkeit durch die Chemotherapie über ein Diagnosemittel zum Aufspüren von Wächter-Lymphknoten bis zu neuen Antikörpern für die verheißungsvolle Immuntherapie.

Sobald ein Mittel zugelassen ist und vom Hersteller auf den Markt gebracht wird, darf jeder Facharzt es verschreiben. In der Realität werden neueste Therapien aber nicht sofort in jeder onkologischen Praxis ankommen. Patienten bekommen sie nur im Rahmen von Studien, denn Wirkstoffe müssen ihre Alltagstauglichkeit erst unter Beweis stellen.

Neu für Brustkrebs-Patientinnen

Die Heilungsrate bei Brustkrebs liegt heute bei 80 Prozent. Bevor eine Therapie beginnt, untersuchen die Ärzte genau, welcher Brustkrebs vorliegt. Ist er aggressiv? Hormonempfindlich? Was sagt seine DNA? Danach richtet sich die Behandlungsstrategie.

Für eine noch genauere Individualisierung gibt es bald neue Medikamente:

  • Bei hormonempfindlichem Brustkrebs: Der Wirkstoff Ribiciclib wird für Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs nach der Menopause zugelassen.
  • Bei HER2-positiver Brustkrebs: Eine sogenannte bispezifische Antikörper-Therapie bringt noch vor der Operation zwei Gegenspieler zusammen, das bewährte Trastuzumab (Herceptin) und das neuere Pertuzumab.
  • In Europa bereits zugelassen, aber noch nicht auf dem deutschen Markt ist Lymphoseek (Wirkstoff Tilmanocept). Es kann Wächterlymphknoten schnell aufzuspüren, die dann untersucht werden.
  • Die Immuntherapie hat sich bisher nur beim seltenen, aggressiven und schwer zu behandelnden  triple-negativen Brustkrebs als Hoffnung erwiesen.
  • Relativ neu in der Brustkrebstherapie ist die intraoperative Strahlentherapie. Noch während der Tumor-OP wird der Wundherd bestrahlt. Dadurch kann die nachfolgende Strahlendosis reduziert und vor allem die Rückfallquote drastisch gesenkt werden.
Brustkrebs ist kein Todesurteil!
Unser PDF-Ratgeber zeigt Ihnen verschiedene Therapiemöglichkeiten und erklärt deren Heilungschancen und Risiken.

Neu für Prostatakrebs-Patienten

Das sind die aktuellen Trends im Umgang mit dem häufigsten Männerkrebs:

Bei fortgeschrittenem Prostatakrebs soll neben der Hormontherapie schon frühzeitig eine Chemo beginnen.

Ein MRT vor der Biopsie soll in Kombination mit Ultraschall die gezielte und schonende Biopsie erlauben.

Die PSA-Tests werden als Diagnose-Instrument zurückgefahren. Der Test auf prostataspezifische Antikörper im Blut bleibt wichtig für die Therapie-Kontrolle.

Bei der sogenannten fokalen Therapie wird nur ein Teil der Prostata entfernt – das geht aber nur, wenn ein einziger, kleiner, klar umrissener Tumor vorliegt. Vorteil: Das Risiko von Impotenz oder Inkontinenz wird minimiert.

Eine neue Wirkstoff gegen die meistverbreitete Krebsart bei Männern bekommt noch in diesem Jahr die Zulassung: Padeliporfin. Der Wirkstoff wird in die Blutgefäße des Tumors injiziert und mit Laserstrahlen aktiviert. Das lässt die Gefäße absterben und kappt die Versorgungswege des Tumors.

Neu für Darmkrebs-Patienten

Bei keiner anderen Krebsart ist der Unterschied zwischen völliger Heilung und Tod je nach Stadium der Entdeckung so extrem. Weil die Heilungsrate im Frühstadium so hoch ist, wird bei Darmkrebs viel Wert auf die Diagnose gelegt:

Ein Test auf verborgenes Blut im Stuhl gehört ab dem 50. Lebensjahr zur Krebsfrüherkennung . Ein immunologischer Stuhltest weist den Blutfarbstoff Hämoglobin mit einem Antikörper nach und ist genauer und empfindlicher als der frühere Standardtest. Die Methode ist schon länger zugelassen, musste aber aus eigener Tasche bezahlt werden.  Ab 2017 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten.

Geschätzte zwei Prozent aller Darmkrebspatienten haben stark mutierte Tumorzellen, ein Signal für das Ansprechen auf eine Immuntherapie. Allerdings gibt es noch keine Tests, die diese kleine Patientengruppe herausfiltern können.

Neu für Hautkrebs-Patienten

Die Diagnose „Weißer Hautkrebs“ ist sehr viel häufiger (etwa 230.000 Patienten pro Jahr), aber auch sehr viel harmloser als der Schwarze Hautkrebs mit 22.000 Neudiagnosen. Das Melanom bildet sehr schnell Metastasen und verläuft daher für 3000 Patienten pro Jahr tödlich.

Während Formen des Weißen Hautkrebses mit Salben wie Imiquimod behandelt werden können,  zeigt die Immuntherapie gute Behandlungserfolge bei schwarzem Hautkrebs: Für diese Krebsart wurde schon im Jahr 2012 das europaweit erste immuntherapeutische Medikament Ipilimumab zugelassen.

Für Melanom-Patienten mit einer bestimmten Tumor-Mutation wird es bald einen weiteren Immun-Antikörper geben: Binimetinib.

Neu für Lungenkrebs-Patienten

Von den häufigen Krebsarten hat Lungenkrebs die schlechteste Überlebensrate. Aber: Zielgerichtete Therapien und Immuntherapien zeigen hier Erfolg, besonders beim nicht-kleinzellige Lungenkrebs (NSCLC). Er macht 80 Prozent der Bronchialkarzinome aus.

Immuntherapien mit Nivolumab oder Pembrolizumab für metastasierten NSCLC zeigten eine Lebensverlängerung von zwei bis drei Jahren – gegenüber zehn Monaten mit Standardtherapie.

Für die Immuntherapie von NSCLC gibt es bald auch den Wirkstoff Atezulizumab. Der sogenannte Checkpoint-Inhibitor wirkt, indem er die Inaktivierung von Immunzellen aufhebt.

Zielgerichtete Therapien stehen allerdings nur für Patienten mit nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen zur Verfügung, die bestimmte molekularbiologische Merkmale aufweisen.

Komme ich für eine Therapie in Frage?

Vor allem die vielversprechenden Immuntherapeutika werden zunächst nur in spezialisierten Krebszentren zum Einsatz kommen, nicht in der ambulanten Onkologie. Die Gründe:

  • Die neuen Therapien kommen nur für einen Teil aller Patienten in Frage, deren Tumore bestimmte Eigenschaften haben.
  • Nur Patienten mit fortgeschrittener Krankheit werden derzeit behandelt.
  • Die Substanzen können das Immunsystem gegen Krebszellen scharf machen, es aber auch zu schweren Autoimmunreaktionen anstacheln.

Die Krebszentren selbst, wie etwa das CCC an der Charité,  oder Organisationen wie der Krebsinformationsdienst und die Deutsche Krebshilfe informieren, wer für neue Behandlungen geeignet ist.

Quelle: FOCUS-Online-Autorin