Vorsicht vor Betrügern! Falsche Feuerwehrleute prüfen angeblich Rauchmelder

Ein herkömmlicher Rauchmelder.

10.01.2017 Bonn. Zurzeit ist eine Gruppe unterwegs, die sich als Feuerwehrleute ausgeben und behaupten, die Installation von Rauchmeldern zu überprüfen. Dabei wollen sie Häuser erkunden, warnt die Feuerwehr.

Im Großraum Bonn ist derzeit offenbar eine Gruppe von Tätern unterwegs, die sich als Feuerwehrleute ausgeben und behaupten, die Installation von Rauchmeldern zu überprüfen, die seit dem 1. Januar in Nordrhein-Westfalen Pflicht sind, Das teilten die Gemeinde Wachtberg und die Freiwillige Feuerwehr Wachtberg am Montag mit und warnen vor den falschen Kontrolleuren.

Die Wehrmänner um Sprecher Michael Ruck weisen ausdrücklich darauf hin, dass sie keine derartigen Kontrollen durchführen und erklären: „Vermutlich sind das Personen, die diesen Sachverhalt nutzen, um konkret Häuser auszuspionieren oder sonstige Straftaten zu begehen.“

Der Meldung der Wachtberger Feuerwehr zufolge, haben Bürger berichtet, dass in Wachtberg solche angeblichen Kontrolleure unterwegs seien, die sich als Wachtberger Feuerwehrleute ausgeben. Die Feuerwehr rät dringend, diese Personen nicht ins Haus, beziehungsweise in die Wohnung zu lassen. Darüber hinaus empfiehlt die Feuerwehr allen Bürgern, bei denen solche falschen Prüfer geklingelt und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Einlass begehrt haben, umgehend die Polizei einzuschalten. Die sei ebenso informiert wie das Ordnungsamt der Gemeinde Wachtberg.

Bei der Bonner Polizei war jedoch am Montagnachmittag von den Vorgängen in Wachtberg nichts bekannt, wie deren Sprecherin Ruth Braun auf Anfrage erklärte. Es liege bisher keine Anzeige wegen eines solchen Falles vor, und es habe sich bisher auch noch kein betroffener Bürger bei der Einsatzleitstelle gemeldet.

Infos zur Rauchmelderpflicht gibt es online unter http://www.feuerwehr-wachtberg.de/informationen/buergerinformationen/rauchmelder-lebensretter.html (Rita Klein)

Quelle: GA Bonn

Deutschland impft zu selten und zu spät

Masern, Grippe, HPV
Deutschland impft zu selten und zu spät

Tausende Kinder in Deutschland sind nicht vor Masern geschützt, bei den Senioren fehlt häufig eine Grippe-Impfung.

Die erste Masernimpfung wird im Alter von elf bis 14 Monaten empfohlen

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Die erste Masernimpfung wird im Alter von elf bis 14 Monaten empfohlen

Lücken bei Masernimpfungen, sinkender Grippeschutz bei Senioren: In Deutschland wird in vielen Fällen nach wie vor zu selten oder zu spät geimpft, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI). Außerdem gebe es beim Impfschutz große regionale Unterschiede.

Um die Impfquoten zu analysieren, haben Experten des RKI Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen ausgewertet. Demnach waren im Alter von 24 Monaten bundesweit 150.000 der im Jahr 2013 geborenen Kinder nicht vollständig und weitere 28.000 überhaupt nicht gegen Masern geimpft.

Die Problemregionen liegen vorwiegend in den Ballungszentren. In Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig und München hatten unter den Zweijährigen jeweils zwischen 2000 und 4100 Kinder des Jahrgangs 2013 keinen ausreichenden Masernimpfschutz, in Berlin sogar 7300.

Deutschland ist Masern-Schlusslicht

Ursprünglich hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel gesetzt, die Masern bis 2010 in Europa auszurotten. Wegen unzureichender Impfraten in vielen Ländern, darunter auch Deutschland, wurde dies bislang nicht erreicht. „Schlimm, dass Deutschland inzwischen in Europa das Schlusslicht der Masernelimination darstellt“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler.

Die erste Masernimpfung wird im Alter von elf bis 14 Monaten empfohlen, die zweite Impfung im Alter von 15 bis 23 Monaten. Zumindest für die zweite Masernimpfung ist dem RKI zufolge „ein starker Aufwärtstrend“ zu beobachten. Während bei den 2004 Geborenen erst knapp 59 Prozent die zweite Impfung haben, sind dies beim Geburtsjahrgang 2013 bereits fast 74 Prozent.

Dies sei vermutlich auch auf eine höhere öffentliche Aufmerksamkeit durch den großen Masernausbruch Ende 2014, Anfang 2015 zurückzuführen, mutmaßen die Experten. In dem Zeitraum hatten sich in Berlin mehr als tausend Menschen mit den hochansteckenden Erregern infiziert, ein Kleinkind starb. Es hatte eine Vorerkrankung, die aber ohne die Masern zu diesem Zeitpunkt nicht zum Tode geführt hätte.

Senioren: Immer weniger Influenza-Impfungen

Impflücken gibt es auch beim Influenzaschutz älterer Menschen. Immer weniger lassen sich gegen die Grippe impfen. Waren in der Saison 2009/2010 noch fast die Hälfte (47,7 Prozent) der mindestens 60-Jährigen geimpft, sank der Anteil in der Saison 2015/2016 auf ein Drittel (35,3 Prozent).

Die Quote bei der für Mädchen im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren empfohlene HPV-Impfung stieg zwar leicht, liegt aber nur bei 30,5 Prozent. Eine Infektion mit humanen Papillomviren gilt als Auslöser für die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs. Die Impfung schützt vor Krebsvorstufen am Gebärmutterhals, weshalb Fachleute eine Senkung der Krebsrate auf lange Sicht für sehr wahrscheinlich halten.

Ausgewertet wurden auch Daten zur Rotavirusimpfung. Zwei Drittel der Kleinkinder bekamen demnach eine vollständige Impfung gegen den Brechdurchfall. Die Impfung wird für Babys seit 2013 von der Ständigen Impfkommission empfohlen.

Quelle: Spiegel irb/AFP

Was sich in 2017 für Pflegebedürftige ändert

23.12.2016 – Zum 1. Januar 2017 gibt es diverse Änderungen bei der gesetzlichen Pflegeversicherung. So gibt es einen neuen Pflegebedürftigkeits-Begriff, und die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung werden geändert. Unter anderem werden die Pflegebedürftigen nicht wie bisher in drei Pflegestufen, sondern in fünf Pflegegraden eingestuft, nach denen sich die entsprechenden Leistungsansprüche richten.

Im Rahmen der Pflegereform wird gemäß dem seit 2016 geltenden Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) ab dem 1. Januar 2017 eine Einstufung in fünf Pflegegraden statt wie bisher in drei Pflegestufen erfolgen. Zudem gibt es ab 2017 einen neuen Pflegebedürftigkeits-Begriff und ein anderes Begutachtungsverfahren.

Um die Änderungen – unter anderem die damit verbundenen Leistungsverbesserungen – zu finanzieren, wird zum 1. Januar 2017 der Beitragssatz der gesetzlichen Pflegeversicherung um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 Prozent beziehungsweise für Kinderlose auf 2,8 Prozent steigen.

Alter…

Bisher galt als pflegebedürftig, wer wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung bei den alltäglichen Dingen im Leben in erheblichem oder höherem Maße Hilfe braucht und vieles dauerhaft nicht mehr allein bewerkstelligen kann.

Bis Ende 2016 erfolgte die Einstufung in eine von drei Pflegestufen nach dem zeitlichen Aufwand des notwendigen Hilfebedarfs für die persönliche Grundpflege wie Körperpflege, hauswirtschaftliche Versorgung, Ernährung und Mobilität.

Bei der Ermittlung der Pflegestufe spielte hauptsächlich der Grad der körperlichen Einschränkungen bei alltäglichen Verrichtungen wie Körperpflege und Nahrungsaufnahme eine Rolle. Kognitive oder psychische Einschränkungen wie Demenz spielten bei der Einstufung in die Pflegestufe fast keine Rolle.

…und neuer Pflegebedürftigkeits-Begriff

Das soll sich laut Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ändern. Dadurch soll nun auch stärker der Hilfe- und Betreuungsbedarf von Personen mit kognitiven oder psychischen Einschränkungen berücksichtigt werden.

Pflegebedürftig sind ab 2017 gemäß § 14 PSG II „Personen, die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen.

Es muss sich um Personen handeln, die körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbständig kompensieren oder bewältigen können.“ Die Dauer der Pflegebedürftigkeit muss wie bisher mindestens sechs Monate betragen, damit ein Anspruch auf Pflegeversicherungs-Leistungen besteht.

Aus Pflegestufen werden Pflegegrade

Ab 2017 erfolgt die Einstufung nun in einen der dann geltenden fünf Pflegegrade nach dem Grad der Selbstständigkeit. Dabei werden die Bereiche Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte sowie Bewältigung von und Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen berücksichtigt.

Die Einstufung erfolgt dann anhand eines Punktesystems und nicht mehr anhand eines notwendigen Zeitaufwandes für die Pflege. Je weniger ein Pflegebedürftiger in den genannten Bereichen alleine kann, desto höher ist die Punktezahl und desto höher auch der Pflegegrad. Näheres zur Pflegeeinstufung gibt es unter www.pflegebegutachtung.de, einem Webportal des Medizinischen Dienstes (MDS), der für die Pflegeeinstufung der gesetzlich Krankenversicherten zuständig ist.

Nach BMG-Angaben setzt die Unterstützung künftig deutlich früher an: „In Pflegegrad 1 werden Menschen eingestuft, die noch keinen erheblichen Unterstützungsbedarf haben, aber zum Beispiel eine Pflegeberatung, eine Anpassung des Wohnumfeldes (zum Beispiel altersgerechte Dusche) oder Leistungen der allgemeinen Betreuung benötigen.“

Automatische Umstufung

Wer bereits in eine Pflegestufe eingestuft wurde, wird automatisch, also ohne, dass er dafür einen Antrag stellen muss oder neu begutachtet wird, in eine der fünf Pflegegrade eingestuft. Die Pflegekasse wird die Betroffenen über den dann geltenden Pflegegrad informieren. Laut MDS gilt dabei ein Bestandsschutz, das heißt, keiner wird schlechter gestellt. Die allermeisten werden nach Aussagen des MDS sogar mehr Leistungen erhalten.

In manchen Fällen wären durch die Umstellung jedoch Einbußen möglich – zum Beispiel für Pflegebedürftige der Pflegestufe I oder II ohne Demenz, die in einer stationären Pflege sind. Sie würden bei Pflegestufe I statt bisher 1.064 Euro nur noch 770 Euro in Pflegegrad 2 und bei Pflegestufe II statt bisher 1.330 Euro nur noch 1.262 Euro in Pflegegrad 3 erhalten.

Im Rahmen des Bestandsschutzes erhalten die Betroffenen einen entsprechenden Zuschlag, sofern der von ihnen selbst zu tragende Pflegeeigenanteil ab 2017 höher ist als noch in 2016.

Pflegebedürftige, die wegen einer ausschließlich körperlichen Beeinträchtigung in eine Pflegestufe eingestuft wurden, erhalten automatisch einen nächsthöheren Pflegegrad. Wer zum Beispiel Pflegestufe II hat, wird in 2017 automatisch in Pflegegrad 3 eingestuft. Wer eine Demenz aufweist, erhält automatisch zwei Pflegegrade mehr. Hat ein Demenzkranker bisher keine körperlichen Gebrechen und war daher in Pflegestufe 0 eingestuft, bekommt er ab 2017 nun Pflegegrad 2.

Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung ab 1. Januar 2017
Pflegegrade ab 1.1.2017 (bisherige Pflegestufe bis 2016 mit Demenz/ohne Demenz) Pflegegeld für ambulante Pflege (bisherige Leistung bis 2016 mit Demenz/ohne Demenz) Sachleistung für ambulante Pflege (bisherige Leistung bis 2016 mit Demenz/ohne Demenz) Geldleistung für stationäre Pflege (bisherige Leistung bis 2016 mit Demenz/ohne Demenz)
1 125 Euro* 125 Euro*
2

(bisherige Pflegestufe 0 mit Demenz/ Pflegestufe I ohne Demenz)

316 Euro

(bisher 123 Euro / 24 Euro)

689 Euro

(bisher 231 Euro / 468 Euro)

770 Euro

(bisher 0 Euro / 1.064 Euro)

3

(bisherige Pflegestufe I mit Demenz/ Pflegestufe II ohne Demenz)

545 Euro

(bisher 316 Euro / 458 Euro)

1.298 Euro

(bisher 689 Euro / 1.144 Euro)

1.262 Euro

(bisher 1.064 Euro / 1.330 Euro)

4

(bisherige Pflegestufe II mit Demenz/ Pflegestufe III ohne Demenz)

728 Euro

(bisher 545 Euro / 728 Euro)

1.612 Euro

(bisher 1.298 Euro / 1.612 Euro)

1.775 Euro

(bisher 1.330 Euro / 1.612 Euro)

5

(bisherige Pflegestufe III mit Demenz/ Pflegestufe III mit Härtefallregelung)

901 Euro

(bisher 728 Euro)

1.995 Euro

(bisher 1.612 Euro / 1.995 Euro)

2.005 Euro

(bisher 1.612 Euro / 1.995 Euro)

Neu: Festgelegter Eigenanteil bei der stationären Pflege

Neu ist ab 2017 in der stationären Pflege ein einheitlich pflegebedingter Eigenanteil, den der Pflegebedürftige zu zahlen hat. Da auch in der Vergangenheit die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht reichten, um alleine die anfallenden Pflegekosten eines Pflegeheims zu decken, mussten die Pflegebedürftigen die Differenz selbst bezahlen. Dabei galt in der Regel, je höher die Pflegestufe, desto mehr Pflege war nötig und desto höher war auch der Eigenanteil des Pflegebedürftigen.

Laut BMG gilt nun: „Das Pflegestärkungsgesetz II regelt, dass es in den vollstationären Pflegeeinrichtungen einen einheitlichen pflegebedingten Eigenanteil für die Pflegegrade 2 bis 5 gibt, der von der jeweiligen Einrichtung mit den Pflegekassen/ dem Sozialhilfeträger ermittelt wird.

Dieser Eigenanteil wird nicht mehr steigen, wenn jemand in seiner Pflegeeinrichtung in einen höheren Pflegegrad eingestuft werden muss.“ Nach Aussagen des Ministeriums wird der pflegebedingte Eigenanteil in 2017 „im Bundesdurchschnitt voraussichtlich bei 580 Euro liegen“.

Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung muss der Pflegebedürftige wie bisher auch weiterhin selbst bezahlen. Nach Angaben von Experten zum Beispiel von den Verbraucherzentralen kann der feste Eigenanteil jedoch auch dazu führen, dass jemand, der eine geringe Pflegestufe beziehungsweise einen geringen Pflegegrad hat, nun mit einem höheren Eigenanteil rechnen muss als noch vor 2017.

Diverse Informationsangebote

Wer wissen will, was die gesetzlichen Pflegekassen ab 2017 noch übernehmen, kann sich im 36-seitigen Ratgeber „Die Pflegestärkungsgesetze – Das Wichtigste im Überblick“ informieren. Ebenfalls beim BMG zum Herunterladen oder Bestellen erhältlich ist die Broschüre „Die Pflegestärkungsgesetze – Alle Leistungen zum Nachschlagen“.

Für allgemeine Fragen zur gesetzlichen Pflegeversicherung bietet das Gesundheitsministerium ein Bürgertelefon unter der Telefonnummer 030 340606602 sowie einen Online-Ratgeber zur Pflege an. Für privat Pflege-Pflichtversicherte gibt es unter anderem vom Verband der privaten Krankenkassen e.V. (PKV-Verband) unter www.pflegeberatung.de Informationen, Checklisten und Datenbanken zur Unterstützung von Betroffenen.

Quelle: VersicherungsJournal.de

Arme Männer werden früher dement

Männer mit einem niedrigen sozioökonomischen Status werden eher pflegebedürftig und dement. Das belegen Zahlen der AOK, die der „Welt“ vorliegen. Die Krankenkasse verfolgt damit auch eigene Interessen.

Männer mit niedrigem Bildungsniveau und unterdurchschnittlichem Einkommen erkranken im Schnitt sechs Jahre früher an Demenz als solche mit hohem sozioökonomischem Status. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung der Krankenkasse AOK Rheinland/Hamburg, die der „Welt“ vorab vorliegt.

Demnach waren Männer mit einem Monatseinkommen von weniger als 800 Euro bei ihrer ersten Demenzdiagnose im Durchschnitt 75 Jahre alt, Männer mit einem Einkommen von mehr als 1600 Euro dagegen rund 81 Jahre alt.

Auch für die Pflegebedürftigkeit insgesamt gilt dieser Zusammenhang: Männer mit niedrigem Einkommen und Bildungsstatus werden im Schnitt sieben Jahre vor Gebildeten und gut Verdienenden zum Pflegefall, wie aus den Versichertendaten der Krankenkasse hervorgeht, die diese im Rahmen ihres aktuellen „Pflege-Reports“ ausgewertet hat.

Mehr Sport und bessere Ernährung

Demenzforscher erklären dies damit, dass Menschen mit vergleichsweise hohem Bildungsstand – und damit in der Regel einem vergleichsweise hohem Einkommen – sich in vielen Fällen gesünder ernähren und mehr Sport treiben. „Hier gilt derselbe Zusammenhang wie bei den kardiovaskulären Krankheiten, also Schlaganfall oder Herzinfarkt: Wer sich ungesund ernährt und wenig bewegt, entwickelt Übergewicht und Bluthochdruck und schadet seinen Gefäßen.

„Das gilt für die Gefäße im Herzen ebenso wie für jene im Gehirn“, sagt Thomas Willnow, Leiter einer Forschungsgruppe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin.

Wer einen hohen Ausbildungsstand habe, halte sich zudem auch in fortgeschrittenem Alter tendenziell eher geistig fit, sagt Willnow. „Es ist schon etwas dran an der Empfehlung, im Rentenalter Kreuzworträtsel zu lösen, um geistig nicht einzurosten.“

Gesundheitspolitik auf dem Prüfstand

Den Zusammenhang zwischen Bildung und Alzheimer haben bereits Forschungsreihen eines internationalen Verbundes von Demenzforschern (Alzheimer’s Disease Neuroimaging Inititative) belegen können. „Die Patienten mit hohem Bildungsniveau wiesen im gleichen Krankheitsstadium von Alzheimer weniger Ablagerungen im Gehirn auf“, sagt der Neurologe Johannes Levin, Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dass die Zahlen der AOK die bestehenden Forschungsergebnisse nun bestätigen, könnte eine Diskussion in der Gesundheitspolitik auslösen. Denn die Schlussfolgerung, die man bei der Kasse aus der Statistik zieht, ist diese: Es müsse mehr Geld für Prävention ausgegeben werden – vor allem für Aufklärungskampagnen über den Nutzen von Bewegung und gesunder Ernährung in Bevölkerungsschichten mit niedrigem Bildungsstatus.

„Die Kommunen stehen dabei in einer besonderen Verantwortung“, findet der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland/Hamburg, Günter Wältermann. Sie müssten gemeinsam mit Bund und Ländern für „gesundheitsförderliche Lebens- und Arbeitsbedingungen“ sorgen. Damit meint er zum Beispiel, dass Hartz IV-Empfänger auskömmlich versorgt sind, um sich gut ernähren zu können.

Langzeitarbeitslosigkeit besser bekämpfen

Bei einem der größten Sozialverbände des Landes, der Diakonie, zieht man dagegen einen anderen Schluss aus der Erkenntnis, dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status eher dement werden. „Die Politik sollte aufhören, die Langzeitarbeitslosigkeit zu alimentieren, sie sollte sie wirksamer bekämpfen.

Wie man dem Vergessen vorbeugen kann

1,3 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Alzheimer. Die Krankheit zerstört langsam das Gehirn und führt zu Demenz. Bisher gilt Alzheimer als unheilbar. Vorbeugen kann man aber dennoch.

Das Geld, das diese Menschen erhalten, sollte vielmehr aktivieren und in den Arbeitsmarkt integrieren helfen“, sagte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. Denn wer am Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben aktiv teilhabe, sei nun einmal körperlich und geistig fitter.

Auch für die AOK selbst könnte es bedeutsam sein, welche Konsequenzen Gesundheitspolitiker aus ihrer Feststellung ziehen. Denn die Allgemeinen Ortskrankenkassen versichern deutlich mehr Hartz IV-Empfänger und Geringverdiener als zum Beispiel die Techniker Krankenkasse.

AOK hofft auf Geld aus der Umlage

Der Beleg, dass ihre Versicherten nicht nur häufiger herzkrank sind, sondern auch schneller demenzkrank werden, könnte für sie mittelfristig mehr Geld aus dem Umverteilungsmechanismus zwischen den Krankenkassen bedeuten.

Für die Kassen ist es derzeit wichtig, sich politisch und argumentativ zu positionieren: Denn Demenzforscher weltweit arbeiten zurzeit auf Hochtouren daran, ein Medikament zur Behandlung von Demenz zu entwickeln. „Es wird derzeit sehr intensiv an einer Therapie gearbeitet.

Falls diese Bemühungen auf dem Gebiet der passiven Immunisierung Erfolg haben werden, drohen den Kassen immense Kosten“, sagt Demenzforscher Levin. „Pro Person dürften das, wie etwa bei der Therapie Multipler Sklerose, mehrere Zehntausend Euro pro Jahr sein.“

Für weibliche Patienten übrigens zeigt sich in den Daten der AOK der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Demenz nicht. Nach Einschätzung der Forscher könnte dies daran liegen, dass Frauen sich insgesamt im Durchschnitt gesünder verhalten als Männer.

Das Computerspiel „Sea Hero Quest“ hilft bei der Demenz-Forschung. Denn es zeichnet die Hirnaktivitäten auf und liefert so verwertbare Daten. Es ist die größte Studie der Welt. Jetzt gibt es erste Erkenntnisse.

Quelle: Die Welt

 

Den richtigen Pflegedienst finden

Was im Vertrag stehen muss

Ein ambulanter Pflegedienst kann Pflegebedürftigen und deren Angehörigen helfen, den Alltag in den eigenen Wänden zu meistern. Was Betroffene bei der Suche nach einem Anbieter beachten sollten. Und was in dem Vertrag stehen sollte.

Bevor Pflegebedürftige nach einem ambulanten Pflegedienst suchen, sollten sie zwei Fragen klären: Welche Hilfe brauche ich? Was davon sollen professionelle Pflegekräfte übernehmen? „Die angebotenen Leistungen müssen zu den individuellen Anforderungen passen“, sagt Astrid Schultze vom Pflegestützpunkt Pankow in Berlin. „Muss der Pflegebedürftige etwa beatmet werden, sollte der Anbieter darauf spezialisiert sein.“

Außerdem wichtig bei der Auswahl: „Der Pflegedienst sollte nicht allzu weit weg sein“, rät Schultze. „Damit er auch in Notfällen schnell helfen kann.“ Adressen von Anbietern in Wohnortnähe finden Betroffene über die Pflegekassen, Pflegestützpunkte oder online über die Weisse Liste.

„Vergleichen Sie immer mehrere Angebote“, sagt Petra Hegemann, Leiterin des Projekts Pflegeverträge der Verbraucherzentrale Berlin. Im Vertrag sollten alle Leistungen und Kosten genau aufgeschlüsselt sein. „Idealerweise lassen sich Interessierte einen konkreten Kostenvoranschlag von dem Anbieter erstellen, der zu den eigenen Bedürfnissen passt“, empfiehlt Hegemann.

Leistungen vergleichen

Um einen ersten Anhaltspunkt zu bekommen, kann man bei den Pflegekassen nach Preisvergleichslisten fragen. „Fast noch wichtiger als die Kosten ist es, die angebotenen Leistungen genauer unter die Lupe zu nehmen“, sagt Hegemann. Auch hier sollten Art, Inhalt und Umfang genau beschrieben sein.

Bevor Pflegebedürftige einen Vertrag unterschreiben, sollten sie den Anbieter um ein persönliches Gespräch bitten. „Es ist ein gutes Zeichen, wenn der Pflegedienst vorab bei einem Hausbesuch kostenlos und ausführlich über seine Leistungen informiert“, sagt Schultze. Bei diesem Termin können Kunden Fragen und Wünsche ansprechen – wenig Personalwechsel, ein Nichtraucher als Pfleger oder bestimmte Pflegewunschzeiten zum Beispiel.

Wenn sich der Anbieter darauf einlässt, sollte man die mündlich besprochenen Vereinbarungen idealerweise schriftlich im Vertrag festhalten. „Das sorgt für Klarheit auf beiden Seiten. Denn kommt es zu Schwierigkeiten, gilt nur die schriftliche Vereinbarung“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Mündliche Vereinbarungen durchzusetzen wird schwierig.“ Weiterer Vorteil: Bei wechselndem Pflegepersonal sind alle gleich über die Bedürfnisse und Wünsche des Pflegebedürftigen informiert.

Interessierte sollten zusätzlich nach den Kompetenzen des Personals fragen. „Es ist gut zu wissen, welche Leistungen von Hilfskräften und welche von Fachkräften durchgeführt werden“, sagt Schultze. Auch die Haftung muss klar geregelt sein: Der Pflegedienst sollte diese auch bei einfacher Fahrlässigkeit nicht ausschließen. „Das gilt insbesondere für den Punkt Schlüsselverlust“, sagt Hegemann.

Keine Vorauszahlungen

Außerdem muss schriftlich fixiert sein, was in Ausnahmefällen gilt – etwa bei einem Krankenhausaufenthalt. „In der Regel ruht der Vertrag dann“, erklärt die Verbraucherschützerin. Die entscheidende Frage lautet: Bis wann kann man dem Pflegedienst kostenlos absagen? „Die Frist dafür sollte nicht länger als 24 Stunden betragen.“

Noch ein Tipp: Pflegebedürftige sollten im Vertrag besser keine Vorauszahlungen oder Abschlagsrechnungen mit dem Pflegedienst vereinbaren. „Auch hier gilt der Grundsatz: Erst die Leistung, dann die Bezahlung“, sagt Brysch. Denn: „Geht der Pflegedienst in die Insolvenz, ist das vorausgezahlte Geld weg“, warnt er.

Ist die Entscheidung gefallen, sollte nur der Pflegebedürftige den Vertrag unterschreiben. „Andernfalls kann der Pflegedienst auch gegenüber dem Angehörigen finanzielle Ansprüche geltend machen“, erklärt Hegemann. „Wer doch im Auftrag für den Pflegebedürftigen das Dokument unterschreibt, sollte die Vertretung deutlich kenntlich machen“, rät sie.

Am Ende muss der Pflegebedürftige ein Exemplar des Vertrags erhalten. „Damit hat er den Beweis über die vereinbarten Leistungen in den Händen“, sagt Brysch. So kann er Ansprüche leichter geltend machen und Details zu den Vertragsbedingungen nachlesen.

Möglichst lange Kündigungsfrist

Ganz egal, was im Vertrag steht, es gilt immer: Der Pflegebedürftige kann den Vertrag jederzeit fristlos kündigen. Für den Pflegedienst sollte hingegen eine möglichst lange Kündigungsfrist gelten. „Vier bis sechs Wochen sind empfehlenswert“, sagt Hegemann. Noch besser: „Der Anbieter darf erst kündigen, wenn die weitere Versorgung des Pflegebedürftigen gesichert ist“, sagt sie. Dann kann man bei Problemen in Ruhe einen anderen Anbieter suchen.

Für Fragen und Beschwerden sollte es bei dem Pflegedienst einen klaren Ansprechpartner geben. Schultze rät: „Tauchen Probleme auf, sollte man ein offenes Gespräch suchen.“ Das sei langfristig oft besser, als den Vertrag einfach zu kündigen.

Quelle: n-tv.de , Isabelle Modler, dpa

Wie wir die Demenz besiegen

Drei Dinge könnten uns vor dem weltweiten Untergang der Gesundheitssysteme durch Demenz bewahren: mehr Geld für die Forschung, bessere Medikamente und erfolgreiche Studien.

Gedächtnisstützen wie diese können Demenz nicht aufhalten

© iStock / simarik
Es gibt nur wenige Themen, bei denen sich die politisch sehr unterschiedlichen Kontrahenten Newt Gingrich von den Republikanern und Bob Kerrey von den Demokraten so gut verstehen. Drei Jahre lang hatte eine Kommission unter ihrer Leitung in den USA die Pflegekosten im Alter untersucht und kam schließlich 2007 zum Schluss: Der gemeinsame Feind ist die Demenz.

Zu diesem Zeitpunkt gab es weltweit noch weniger als 30 Millionen Menschen mit dieser Diagnose, doch es war absehbar, dass die Zahlen bald explodieren würden: Laut aktuellen Vorhersagen könnten es bis 2050 mehr als 130 Millionen sein. Für das amerikanische Gesundheitssystem hieße das Ausgaben in der Höhe von rund einer Billion US-Dollar allein für Erkrankungen wie Alzheimer. „Wir schauten uns damals nur an und waren uns sicher: Wenn wir Alzheimer nicht in den Griff bekommen, gerät das ganze System ins Wanken“, erinnert sich Gingrich, der ehemalige Sprecher des US-Repräsentantenhauses.

„Für Alzheimer war das Interesse einfach nie so groß“
(George Vradenburg)

Für ihn drängt das Thema immer noch – aus gutem Grund: Die Finanzierungsmöglichkeiten haben mit dem wachsenden Problem keineswegs Schritt gehalten, und die Behandlungsziele sind wenig fundiert oder verstanden. Außerdem mussten mehr als 200 klinische Studien zu Alzheimer vorzeitig beendet werden, weil die Behandlungen allesamt kaum wirksam waren. Von den wenigen verfügbaren Therapieansätzen richtet sich keiner gegen den zu Grunde liegenden Erkrankungsprozess. „Das ist wie ein Tsunami, dem wir mit kleinen Eimern begegnen wollen“, sagt Gingrich.

Doch diese Botschaft geht inzwischen um die Welt, was Medizinern und Wissenschaftlern neue Hoffnung gibt. Experten glauben, dass sich die nächste Welle mit folgenden Dingen abschwächen lässt: mehr Geld für die Forschung, bessere Diagnosemethoden und Medikamente – und ein Sieg, wie klein auch immer, der die Stimmung hebt.

„Wir brauchen ganz dringend einen Erfolg“, sagt der Neurologe Ronald Petersen von der Mayo Clinic in Rochester in Minnesota. Nach so vielen Rückschlägen könnte ein klinischer Fortschritt „das Interesse der Leute wiederbeleben und ihnen vermitteln, dass wir es nicht mit einer hoffnungslosen Krankheit zu tun haben“.

Kostenkalkulation

Demenz ist die fünfthäufigste Todesursache in den einkommensstarken Ländern – ihre Therapie ist aber auch die kostenintensivste, weil die Patienten ständig und über Jahre hinweg eine teure Versorgung benötigen. Und trotzdem liegt die finanzielle Förderung der Forschung an Demenzerkrankungen weit hinter der vieler anderer Krankheiten. An den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) standen ihr im Jahr 2015 nur etwa 700 Millionen US-Dollar zu Verfügung, während die Erforschung kardiovaskulärer Erkrankungen etwa zwei Milliarden US-Dollar und die Krebsforschung mehr als fünf Milliarden US-Dollar erhielten.

Eines der Probleme ist der Mangel an Fürsprechern. Andere Erkrankungen, insbesondere Brustkrebs und HIV/AIDS, haben eine starke und erfolgreiche Lobby, die sich für die Finanzierung der Forschung einsetzt. „Für Alzheimer war das Interesse einfach nie so groß“, erklärt George Vradenburg, der die Non-Profit-Organisation „UsAgainstAlzheimer’s“ in Chevy Chase im Bundesstaat Maryland mitbegründete und leitet.

Das liegt seiner Meinung nach primär daran, dass sich die Betroffenen zurückziehen. Demenz trifft hauptsächlich ältere Menschen und wird oft als ganz normaler Teil des Alterns missverstanden. Die Patienten fühlen sich stigmatisiert, die Pflegedienste sind überarbeitet oder erschöpft. Nur wenige sind ausreichend motiviert, sich überhaupt dazu zu äußern.

Immerhin ist die Aufmerksamkeit von Gesellschaft und Politik in den letzten fünf Jahren gestiegen. „Wir arbeiten inzwischen alle besser zusammen, was wirklich hilfreich ist“, sagt Susan Peschin, die Geschäftsführerin der „Alliance for Aging Research“ in Washington, D. C., einer von mehr als 50 Non-Profit-Gruppen im Zusammenschluss der Accelerate Cure/Treatments for Alzheimer’s Disease coalition.

Das zeigt sich inzwischen auch im Investitionsplan der Regierungen. Frankreich war das erste Land mit einem nationalen Aktionsplan gegen Alzheimer und stellte der Forschung schon 2008 etwa 200 Millionen Euro für die folgenden fünf Jahre zur Verfügung. Im Jahr 2009 wurde das Forschungszentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn mit einem Jahresetat von 66 Millionen Euro eröffnet, und auch das Vereinigte Königreich verdoppelte seine Ausgaben für die Demenzforschung in den Jahren 2010 bis 2015 auf 66 Millionen Britische Pfund (rund 77 Millionen Euro). Die Europäische Union gibt jedes Jahr Tausende von Millionen Euro für Demenzstudien aus, und auch Australien hat inzwischen schon die Hälfte seiner veranschlagten 200 Millionen Australischer Dollar (rund 140 Millionen Euro) für einen fünfjährigen Demenzforschungsfond ausgegeben.

Weltweite Entwicklung der Demenz
© Nature; Dolgin, E.: How to defeat Dementia. In: Nature 539, S. 156-158, 2016; oben nach Daten von: Alzheimer’s Disease International (ADI), unten nach Daten von: B. Munos
Die weltweite Ausbreitung der Demenz, und wie dagegen vorgegangen wird.

„Das geht uns alle an, und kein Land wird dieses Problem alleine lösen können“, sagt der Neurologe und Genetiker Philippe Amouyel von der Universitätsklinik im französischen Lille. Doch bisher ist die USA der größte Geldgeber, nicht zuletzt dank Gingrich und Kerrey. Das Jahresbudget des NIH für die Forschung an Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen schnellte 2015 schon auf etwa eine Milliarde US-Dollar, und es gibt über die verschiedenen Fraktionen hinweg Bestrebungen, diese Summe in den nächsten Jahren noch zu verdoppeln. „Der Alzheimererkrankung ist es völlig egal, welcher Partei man angehört“, so Kerrey.

Zwei Milliarden ist „eine ganz ordentliche Summe“, findet Petersen, der dem Regierungsgremium vorsitzt, das sich schon 2012 dieses Ziel gesetzt hatte. Nun müssten seiner Meinung nach die Wissenschaftler erst einmal sagen, „was wir mit dem Geld wirklich tun wollen, falls es tatsächlich alles zur Verfügung steht“.

Die Antwort könnte zu guten Teilen vom Schicksal des Medikaments Solanezumab abhängen, welches das Unternehmen Eli Lilly aus Indianapolis in Indiana entwickelt hatte. Die antikörperbasierte Behandlung soll das β-Amyloid-Peptid entfernen, das verklumpt und die für Alzheimer typischen sehr langlebigen Plaques im Gehirn der Erkrankten bildet. Es wird erwartet, dass Lilly Ende des Jahres die Ergebnisse einer klinischen Studie mit 2100 Teilnehmern präsentiert; diese untersucht, ob das Medikament den kognitiven Verfall von Patienten mit schwacher Alzheimerkrankheit bremsen kann. In vorausgegangenen Studien hatten sich erste Anzeichen eines gewissen Vorteils der behandelten Patienten im Hinblick auf ihre kognitiven Leistung gezeigt. Dieser positive Effekt könnte aber im letzten Studienabschnitt auch wieder verschwinden, was bisher bei praktisch jedem der anfangs Erfolg versprechenden Medikamente der Fall war.

Keiner erwartet tatsächlich eine Heilung der Patienten. Wenn Solanezumab den Abbau im Gehirn wirklich hinauszögert, dann könnte dies bestenfalls dazu beitragen, dass die Patienten in den kognitiven Tests 30 bis 40 Prozent besser abschneiden als die mit Placebo behandelten Teilnehmer. Doch auch schon dies wäre ein Triumph, weil es den Wissenschaftlern und der Pharmaindustrie zeigen würde, dass eine krankheitsmodulierende Therapie zumindest möglich ist. Ein weiterer Rückschlag dagegen könnte den derzeitigen Schwung in der Therapieentwicklung stoppen.

„Wir stehen an einem Scheideweg“, findet der Neurogenetiker John Hardy vom University College London. „Das Ergebnis der Studie ist unglaublich wichtig, weit über die Bedeutung für Lilly und den Erfolg der einzelnen Substanz hinaus.“

Auf rein wissenschaftlicher Ebene könnte Solanezumab die stark diskutierte Amyloidhypothese untermauern, in deren Sicht die Bildung von β-Amyloid im Gehirn einer der Triggerfaktoren für die Alzheimerkrankheit ist. Das bisherige Versagen von amyloidauflösenden Substanzen brachte viele zu dem Schluss, dass die Plaquebildung eine Konsequenz des Erkrankungsprozesses sei und nicht die Ursache. Nach Meinung der Verfechter der Amyloidhypothese wurden die bisher getesteten Medikamente aber einfach zu spät oder an Patienten ohne Amyloidbildung verabreicht, die vielleicht eine ganz andere Form der Demenz haben.

Für die neuste Solanezumab-Studie suchte das Unternehmen Lilly Teilnehmer mit schwachen kognitiven Einschränkungen aus und untersuchte erst einmal mittels Scans und Analysen der Spinalflüssigkeit das Vorliegen von β-Amyloid im Gehirn. Auch die Firma Biogen in Cambridge in Massachusetts verfolgte denselben Ansatz und screente Teilnehmer einer Studie zu Aducanumab, einem ebenfalls gegen Amyloid gerichteten Medikament. Eine Studie vom Anfang dieses Jahres mit 165 Teilnehmern deutet an, dass der erfolgreiche Abbau von β-Amyloid durch die Substanz von Biogen mit einem verlangsamten kognitiven Verfall einhergeht.

Wenn sich dieses Ergebnis in weiteren Untersuchungen bestätigen lässt, „dann wissen wir zumindest, dass Amyloid weit genug oben in der Kaskade ist und als pharmakologisches Ziel genutzt werden könnte“, sagt Giovanni Frisoni, der als klinischer Neurowissenschaftler an der Universität Genf in der Schweiz forscht und an der Medikamentenstudie beteiligt ist.

Besiegen oder verzögern

Neben der anhaltenden Debatte über die Amyloidhypothese, wird immer häufiger eine frühzeitige Intervention mit Medikamenten diskutiert. Reisa Sperling arbeitet als Neurologin am Brigham and Women’s Hospital in Boston in Massachusetts und gibt zu bedenken, dass auch eine leichte Demenz schon auf irreparable Schäden der Gehirnzellen hindeutet. „Man kann natürlich das ganze Amyloid aus dem Gehirn heraussaugen, damit es sich dort nicht noch weiter ansammelt; die Neurone werden aber nicht wieder nachwachsen.“

Deshalb leitet sie eine 140 Millionen Dollar schwere Studie namens A4, eigentlich Anti-Amyloid Treatment in Asymptomatic Alzheimer’s genannt. In dieser placebokontrollierten Untersuchung zu Solanezumab sollen Teilnehmer mit hohen Amyloidlevels schon behandelt werden, bevor sie überhaupt irgendwelche Anzeichen für kognitive Probleme haben. Dabei ist A4 nicht die einzige Studie der Forscherin. Im März hatte sie zusammen mit dem Neurologen Paul Aisen vom Alzheimer’s Therapeutic Research Institute an der University of Southern California’s in San Diego eine Studie mit 1650 Teilnehmer gestartet, die zwar symptomlos sind, aber schon frühzeitig Anzeichen einer Ansammlung von β-Amyloid haben. Die Forscher wollen ein Medikament des Unternehmens Johnson&Johnson testen, welches das Enzym β-Secretase, und damit die Bildung des toxischen Proteins hemmen soll.

Ein solches Vorgehen wird als Sekundärprävention bezeichnet, weil Patienten mit bereits vorhandenen Amyloidplaques behandelt werden. Sperling und Aisen wollen nun auch eine Studie zur Primärprävention durchführen und erhielten im August Gelder vom NIH bewilligt. Hierbei geht es um Personen, die normale Gehalte des β-Amyloid im Gehirn und keine Anzeichen von kognitiven Einschränkungen zeigen, die aber eine hohe Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung der Alzheimerkrankheit aufweisen, weil sie bekannte Risikofaktoren wie Alter und genetische Prädisposition aufweisen.

„Eigentlich müssten wir die ganze Menschheit mit einbeziehen, um diese Erkrankungen zu besiegen“
(Paul Aisen)

„Der größtmögliche Erfolg wäre es, dass die Krankheit verzögert beginnt“, sagt David Holtzman. Er arbeitet als Neurologe an der Washington University School of Medicine in St. Louis in Missouri und beteiligt sich an einem Netzwerk zur Erforschung der dominant vererbten Alzheimerkrankheit (Dominantly Inherited Alzheimer Network). Die Mitglieder des Netzwerks wollen auch herausfinden, ob Solanezumab und andere Anti-Amyloid-Therapien hilfreich sind, wenn Patienten Genmutationen mit Prädisposition für eine frühe Entwicklung von Alzheimer geerbt haben.

Eine Sekundärprävention kann letzten Endes auch bedeuten, alle jenseits der 50 auf Zeichen von β-Amyloid zu testen; allerdings sind die derzeit möglichen Tests entweder teuer, weil jeder Gehirnscan rund 2800 Euro kostet, oder sie erfordern einen invasiven Eingriff wie die Spinalpunktion. Die Forschung hat inzwischen ein Dutzend möglicher Blutmarker beschrieben, von denen sich jedoch noch keiner als besonders interessant hervorgetan habe, so der Neurologe Dennis Selkoe vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, Massachusetts.

Ein günstiger und einfacher diagnostischer Test auf β-Amyloid könnte vielleicht sogar hinfällig sein, wenn man sich an anderen Therapien orientiert. So wurde einst vorgeschlagen, allen Leuten mit einem gewissen Risiko für eine Herzerkrankung einfach Cholesterinsenker zu verordnen – genauso könnte irgendwann allen Patienten mit einem gewissen Risiko für Alzheimer, auch wenn sie gar nicht positiv getestet sind, einfach ein Anti-Amyloid-Medikament gegeben werden, erklärt Sperling.

Neue Ziele

Genauso wie Cholesterin nicht die einzige Ursache für alle Herzerkrankungen ist, so ist auch β-Amyloid nicht der einzige Driver für die Alzheimerkrankheit. Da gibt es noch das tau-Protein, das bei den meisten Patienten zur neurofibrillären Bündelbildung im Gehirn führt und von einigen Pharmafirmen zur Therapie in Betracht gezogen wird. Andere Pharmafirmen haben sogar schon Medikamentenkandidaten gegen weitere Faktoren parat. Nach β-Amyloid und tau-Protein interessiert sich die Forschung derzeit für das Thema Neuroinflammation, also die Entzündung des Nervengewebes. Laut Ansicht des Neurogenetikers Rudy Tanzi vom Massachusetts General Hospital in Boston bietet sich hier das dritte Standbein in der Behandlung der Alzheimerkrankheit.

Er vergleicht Alzheimer mit einem Waldbrand im Gehirn. Plaques und Tau-Bündel verursachen das initiale Buschfeuer, das durch die begleitende Entzündung weiter angefacht wird. Wenn die Flammen erst einmal toben, reicht es nicht mehr, das anfängliche Buschfeuer zu löschen“, sagt Tanzi. Das erklärt auch, warum Anti-Amyloid-Medikamente bei fulminanter Demenz keine Wirkung zeigen. Bei diesen Patienten wäre es vielleicht besser, die Entzündungsaktivität der Immunzellen im Gehirn, der so genannten Mikroglia, einzudämmen. Die Forschung fokussiert sich hier inzwischen auf die zwei Gene CD33 und TREM2, die an der Funktion der Mikroglia beteiligt sind. Tanzi weiß aber auch, dass es „zwei Dutzend anderer interessanter Gene gibt. Vielleicht führt ja eines dieser neuen, noch unerforschten Gene zum entscheidenden Medikament?“

Behandlung ohne Medikamente?

Laut vielen Alzheimerexperten müssten bessere und kostengünstige Behandlungsmöglichkeiten entwickelt werden, die ohne Medikamentenforschung auskommen. An der University of New South Wales in Sydney in Australien untersucht beispielsweise der Psychiater und Spezialist für Geriatrie Henry Brodaty, ob ein internetbasiertes Coachingtool mit Blick auf Ernährung, Sport, kognitives Training und den Gemütszustand das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten kann. „Wir wissen, dass zwei Drittel der Demenzpatienten der ganzen Welt in Entwicklungsländern leben“, sagt er. Seiner Meinung nach lassen sich dort Maßnahmen zum Lebensstil besser anwenden als teure Medikamente.

Die Wissenschaftler müssen aber auch über Alzheimer hinausschauen und die vielen anderen Formen von Demenz betrachten. Eine so genannte vaskuläre Demenz entsteht beispielsweise durch Verletzung der Gefäße, die das Gehirn mit Blut versorgen. Klumpen aus dem Protein α-Synuclein sind die Ursache für kognitive Probleme bei Parkinson und Lewy-Körperchen-Demenz. Ablagerungen von tau liegen oft einem Nervenzellverlust zu Grunde, der für die Frontotemporale Demenz verantwortlich ist. Und es gibt noch viele andere Ursachen und Antreiber weiterer, ebenso zerstörerischer Gehirnerkrankungen.

„Wir dürfen all diese anderen Erkrankungen nicht vernachlässigen“, warnt der Neurologe Nick Fox vom University College London, insbesondere weil viele doch gemeinsame biologische Grundlagen haben. Wenn wir eine der Krankheiten in den Griff bekommen, könnte das nämlich auch bei der Entwicklung von Behandlungsstrategien für die anderen helfen.

Das größte Hindernis in der Medikamentenentwicklung scheint heute aber eher logistischer als wissenschaftlicher Natur zu sein. So dauern klinische Studien zur Demenz viele Jahre, und die Studienleiter haben oftmals Schwierigkeiten, ausreichend Studienteilnehmer zu finden. „Wir müssen in Zukunft schneller zu Ergebnissen kommen“, sagt Marilyn Albert, die Direktorin des Johns Hopkins Alzheimer’s Disease Research Center in Baltimore in Maryland.

Eine Möglichkeit wären Studienregister im Vorfeld der Studien zu erstellen. Auf diese Weise ließen sich schon frühzeitig interessierte Teilnehmer akquirieren und die Untersuchungen gleich starten, sobald ein neues Medikament entwickelt ist. „Eigentlich müssten wir die ganze Menschheit mit einbeziehen, um diese Erkrankungen zu besiegen“, sagt Aisen.

Das COMPASS-ND-Register mit 1600 Personen wird von dem kanadischen Verbund Canadian Consortium on Neurodegeneration in Aging finanziert. Der Neurologe Serge Gauthier von der McGill University in Montreal ist dort Mitglied und weiß um die Schwierigkeiten, Studienteilnehmer zu finden – und dies obwohl ein Drittel seiner Patienten in der Neurologie an subjektiven Gedächtnisstörungen leiden. Die Patienten können sich keine Namen merken oder haben immer wieder altersbedingte Gedächtnislücken, ohne im Sinne der klinischen Definition als dement zu gelten.

Für Gauthier sind sie die perfekten Kandidaten für ein Vorstudienregister: Sie haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko, und sie machen sich Sorgen. Gauthier sucht nun nach weiteren ähnlichen Fällen. Er selbst passt auch zu diesem Profil und ließ sich schon in das von Forschern der University of California in San Francisco geführte Brain Health Registry eintragen, zusammen mit 40 000 anderen Menschen. Er nimmt regelmäßig an kognitiven Tests teil und steht auch für weitere Untersuchungen mit neuen Diagnostiktools und Therapien zur Verfügung. „Das macht richtig Spaß“, sagt er.

Sei es freiwillig oder nicht – wir müssen uns mit dem Thema Demenz auseinandersetzen, nicht zuletzt, weil schon in ein paar Jahrzehnten wohl jeder von uns einen Freund oder lieben Menschen kennt, der davon betroffen ist. Die Alarmglocken sind schon deutlich zu hören, und wir sollten etwas tun, sagt Robert Egge, der bei der Alzheimer’s Association in Chicago in Illinois für öffentliche Angelegenheiten verantwortlich ist. „Unser Ziel ist klar“, sagt er. „Die Frage ist doch, ob wir es schnell genug erreichen.“

© Spektrum.de

Patienten stärker in den Infektionsschutz in Kliniken einbinden

Zwei Drittel aller Patienten in deutschen Krankenhäusern haben einer aktuellen Umfrage zufolge Angst vor einer Infektion mit Krankenhauskeimen. Diese Angst ist durchaus berechtigt: Eine europaweite Studie ergab, dass mehr als 2,5 Millionen Infektionen erst in einer Klinik entstanden. Schuld daran ist aber nicht immer die mangelnde Einhaltung der Hygienevorschriften des Pflegepersonals – auch Patienten und deren Angehörigen tragen zum Übertragungsrisiko bei. Sie sollen deshalb stärker in den Infektionsschutz in Kliniken eingebunden werden.

Infektionsschutz: Händedesinfektion beste Vorbeugungsmaßnahme

Patienten und deren Angehörige sollen stärker in den Infektionsschutz in Kliniken eingebunden werden. ©fotolia – Gerhard Seybert

Patienten stärker beim Infektionsschutz einbinden

„Beim Thema Hygiene müssen Patienten darauf vertrauen, dass das in der Klinik arbeitende Personal den notwendigen Infektionsschutz auch konsequent umsetzt“, sagt Prof. Dr. Axel Kramer, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin Greifswald. Kramer, der zu den bekanntesten Klinikhygienikern Deutschlands zählt, nimmt gleichzeitig den Patienten und dessen Angehörige in die Verantwortung: „Selbst wenn der Infektionsschutz in einer Klinik perfekt geregelt ist, bleiben immer noch die Übertragungsrisiken, die durch den Patienten selbst entstehen. Patienten und deren Angehörige sollten deshalb viel stärker darüber aufgeklärt werden, welche Möglichkeiten es für sie gibt, den Infektionsschutz im Krankenhaus zu verbessern.“

Fördern und fordern

Ein Projekt an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) untersucht, wie Patienten stärker in den Infektionsschutz in Kliniken eingebunden werden können. Das vom Bundespatientenbeauftragten Karl-Josef Laumann geförderte Projekt trägt den Titel „Aktivierung der Patienten für eine hygienebewusste Partizipation an der Infektionsprävention (AHOI)“. Es bedeutet nichts anderes, als dass der Patient ermutigt werden soll, beim Infektionsschutz aktiv mitzuwirken. Bereits im Jahr 2010 wurde in der Klinik und Poliklinik an der UMG damit begonnen, Patienten in den Infektionsschutz einzubeziehen; zunächst als Vielzahl von Eigeninitiativen, später dann gebündelt im AHOI-Projekt als Maßnahmenpaket. So erhält der Erkrankte bereits bei der Aufnahme in die Klinik einen Flyer mit zahlreichen Hinweisen und bekommt zusätzlich weitere Kurzinformationen zu speziellen Präventionsmöglichkeiten – etwa zur richtigen Händedesinfektion oder zu wichtigen persönlichen Verhaltensänderungen. Zu den Verhaltensänderungen zählen Tipps wie kein Ausduschen offener Wunden mit Leitungswasser ohne Steril-Filter, nicht eigenständig den Wundverband lockern oder den Urinbeutel unter Blasenniveau halten.

Die Händedesinfektion bietet ein enormes Präventionspotential. Aufgrund dessen wurden die von der WHO empfohlenen „Fünf Momente“ für die Mitarbeiter auf den Patienten angepasst. Auch diese sollen nun beim Betreten und Verlassen des Patientenzimmers, vor der Einnahme von Mahlzeiten, nach Nutzung des WC sowie vor und nach einem Kontakt mit eigenen Wunden, Schleimhäuten oder medizinischem Gerät gezielt die Hände desinfizieren. An zentralen Punkten im Krankenhaus – etwa im Foyer oder am Zugang zu Risikostationen – gibt es automatische Spender zur Händedesinfektion. Plakate unter dem Motto „Keine Chance den Krankenhausinfektionen“ weisen gezielt auf die Spender hin. Auch in jeder Sanitärzelle und jedem WC stellt ein Poster das hygienisch richtige Verhalten dar.

Positives Fazit

Seit gut vier Jahren erhält jeder Patient der Uniklinik Greifswald bei Aufnahme eine Checkliste mit 14 Ankreuzmöglichkeiten – mit dieser werden Risikofaktoren für multiresistente Erreger abgefragt. Bei Verdacht oder entsprechender Risikokonstellation wird sofort ein Screening veranlasst. Der Patient sowie seine Besucher bekommen ein Merkblatt zum hygienischen Verhalten in der Klinik sowie nach der Entlassung. Die freiwillige anonymisierte Einbeziehung des Patienten beim Infektionsschutz wirkt sich auch positiv auf die Mitwirkung des Behandlungsteams aus; allein dadurch wurde ein Anstieg des Händedesinfektionsmittelverbrauchs um bis zu 40 Prozent erreicht.

Das vorläufige Fazit: Patienten nehmen ihre neue und aktive Rolle beim Infektionsschutz im Krankenhaus an. Da auch die Mitarbeiter diese mittragen und fördern, sollten Patienten und Angehörige zukünftig viel stärker in die Infektionsprävention einbezogen werden. Ein Modell, das auch in anderen Kliniken und Krankenhäusern Schule machen sollte.

„Die Studie ist in meinen Augen die beste, die ich zu diesem Thema gesehen habe, nicht nur in Europa“, sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité. Für Deutschland schätzt Gastmeier die Zahl der Krankenhausinfektionen pro Jahr auf rund 500.000. Dadurch kommt es zu bis zu 15.000 Todesfällen. Ein Drittel der Krankenhausinfektionen gilt als vermeidbar – beispielsweise durch Einhalten der Hygienevorschriften.

Quelle: Saluway Frank Fischer

Ein Burnout beginnt anders, als die meisten denken

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Fabienne Riener

Zum Burnout gehört mehr als körperliche Erschöpfung.

Quelle: Tyler McRoberts – unsplash

Wer höher steigt, kann tiefer fallen. Burnout entsteht nicht über Nacht, auch nicht innerhalb weniger Wochen. Warum alles meist ganz großartig anfängt und warum nicht hinter jeder Erschöpfung ein Burnout steht.

Was steckt hinter dem Begriff?

„Ich bin echt kurz vor dem Burnout”. Wer hat das nicht schon oft gesagt oder gehört? Auch wenn oder gerade weil sich die Medizin nach wie vor uneinig ist, was genau ein Burnout ist und wie und ob er sich von anderen Krankheitsbildern (vor allem Depression) unterscheidet, bin ich der Meinung, dass der Begriff oft falsch und eindeutig zu oft verwendet wird.  Eine bessere Abgrenzung zu normalen Erschöpfungszuständen ist wichtig. Obwohl das Thema in aller Munde ist, gibt es immer noch viele Missverständnisse. Und dadurch suchen sich manche vielleicht zu spät Hilfe.

Das Burnout-Syndrom beschreibt den Zustand der totalen psychischen und physischen Erschöpfung am Ende eines langen Prozesses. Burnout ist nicht ausschließlich das Resultat von zu viel Arbeit und von der Erschöpfung der eigenen Ressourcen. Burnout fängt viel früher an. Und zwar paradoxerweise mit einem hohen Maß an Motivation und Erwartungen an eine Situation.

Phase 0 – Die Vorfreude

Ein neuer Job, eine neue Ehe, das neue Kind, eine neue Stadt. Der Beginn eines neuen Lebensabschnitts geht oft einher mit viel Energie, viel Hoffnung und viel Tatendrang. Bereits vor Beginn entstehen Bilder im Kopf, die einen Idealzustand beschreiben. Und mit diesen Bildern sind positive Gefühle verbunden und deshalb freut man sich ja auch auf das Neue.

Phase 1 – Der Frühling

Nun beginnt das neue Kapitel offiziell. In den ersten Tagen und Wochen ist die Welt meistens noch in Ordnung, aber man unterschätzt oft, dass der Energieverbrauch auch sehr hoch ist. Sich an neue Situationen zu gewöhnen kostet Kraft. Und auch wenn alles eigentlich toll ist, findet meistens nach einigen Wochen das erste Low statt.

Exkurs Nr. 1 (vor allem an alle Arbeitgeber da draußen):

Zyklische Leistungskurven von 8-12 Wochen sind ganz normal. Selbst im „Normalmodus“ gibt es Phasen, in denen man aufnahme- und leistungsfähiger ist, und es gibt Phasen, in denen das nicht so ist. Um in diesen Phasen allerdings die gleiche Leistung zu bringen, muss man tiefer in seine Energiereserven greifen. Kurzfristig ist das ok, langfristig nicht, weil man theoretisch immer mehr braucht um diese Reserven wieder aufzufüllen, praktisch dies aber nicht tut. Nochmal: Konstante Leistung zu erbringen erfordert Kraft. Regenerationsphasen, in denen man nicht das normale Leistungslevel erreicht, sind normal und zum Wiederauftanken extrem wichtig.

Phase 2 – Der Realitätscheck

Nach dem ersten Low erreicht man meist nicht und nie mehr das High der allerersten Phase. Das ist im Job genauso wie in der Liebe. Die Realität setzt ein und auf einmal sind alle möglichen Dinge im Blickfeld, die mit dem Idealbild nicht ganz überein passen.  Jetzt beginnt der Konflikt zwischen eigenen (intrinsischen) Bedürfnissen und von außen an einen herangetragenen (extrinsischen) Anforderungen.

Exkurs Nr. 2: 

Die beste Definition von Stress, der ich bislang begegnet bin lautet: „Stress ist das subjektive Empfinden, dass die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um eine Situation zu bewältigen”. Heißt also: Nicht jede Situation ist für jeden stressig, es geht um das Verhandeln von innen und außen, nicht um viel Arbeit per se. Und: Es fehlt etwas, sonst wäre das Verhandeln kein Problem.

Stress fängt also langsam an, verursacht durch einen Konflikt zwischen dem was intrinsisch gebraucht und extrinsisch gefordert wird. Und was wir brauchen ist eigentlich ganz einfach.

Exkurs Nr. 3: 

Kleinkindern zuzusehen ist süß und vor allem hochgradig interessant und sagt uns viel über die menschlichen Grundbedürfnisse. Neben Schlaf und Essen brauchen Kinder:

  • Sicherheit und Geborgenheit,
  • menschliche Zuneigung,
  • Raum zum Erforschen und Gestalten, und
  • Entwicklung und Ausdruck der eigenen Individualität

Diese Bedürfnisse ändern sich im Laufe eines Lebens nicht. Sie werden allerdings durch Sozialisation in Formen gedrängt, die Anpassungen und Kompromisse erfordern – sonst funktioniert Gesellschaft nicht. Das heißt aber eben auch Unterdrückung.

Auf den erwachsenen Menschen übertragen heißt das, er braucht Entwicklung und Gestaltungsmöglichkeiten und Anerkennung / Feedback zur eigenen Arbeit. Dies verleiht einem Umfeld das Gefühl von Sicherheit. Und wenn dies nicht gegeben ist, geht die Schere zwischen intrinsisch und extrinsisch immer weiter auf, und die meisten Menschen geben eher ihre Bedürfnisse als das Umfeld auf, passen sich an, unterdrücken eben ganz tief verwurzelte Notwendigkeiten. Und sehen dabei oft nicht, dass das Umfeld einiges dazu beiträgt.

Ein ungesundes Umfeld (und damit Burnout-Beschleuniger) zeigt meist die folgenden Kriterien: Keine Gestaltungs- und Entscheidungsräume, keine Entwicklungsmöglichkeiten, kein konstruktives Feedback. Konkret kann das bedeuten, dass man andauernd seinen eigenen Zeitplan und Prioritäten den Anforderungen anderer unterordnen muss, dass man Leistung erbringt, diese aber nicht „gesehen“ und daher nicht gewürdigt wird und im schlimmsten Fall von anderen als die eigene Leistung verkauft wird. Dass man Entscheidungen fällen möchte, diese von anderen aber ignoriert werden – das führt zum Verlust der eigenen Wirkungsfähigkeit und des Selbstvertrauens (Vertrauen in sich Selbst). Dadurch sinkt natürlich die Motivation, welche wiederum die Leistungsfähigkeit nach unten zieht. Um aber weiterhin Leistung zu zeigen, muss also wieder tiefer in die Energiereserven gegriffen werden, um nach außen weiterhin zu „funktionieren“.

Und gerade wenn die Erwartungen am Anfang sehr hoch waren, oder man sich doch eigentlich in einer von außen betrachtet tollen Situation befindet, fällt es schwer das so zu sehen und sich das einzugestehen. Das führt zu ersten Zweifeln am eigenen Wertesystem, und zur ersten Sinnkrise, da das Vertrauen ins eigene Urteilsvermögen zu wackeln beginnt.

Aber das ist der kritische Moment. Wer es hier schafft für sich selbst zu handeln, der kann sich selbst retten. Wenn positive Änderungen an dieser Stelle geschaffen werden können, kann eine weitere negative Entwicklung abgewendet werden.

Achtung Arbeitgeber!

Hier ist man oft am Ende der Probezeit! Ein offenes Gespräch ist hier also absolut von Nöten und bestimmt den weiteren Verlauf des Arbeitsverhältnisses.

Anpassungsschwierigkeiten innerhalb den ersten Wochen / Monaten sind völlig normal. Sich auf eine neue Situation einzulassen bedeutet eben auch, ein Maß an Unvorhersehbarkeiten mitzunehmen. Man kann noch so viele Bücher über Babys lesen, wie man selbst drauf reagieren wird, findet man in keinem Buch. Dafür sind wir alle doch zu einzigartig.

Phase 3 – Verleugnung

Wer hier allerdings bei aufkommendem Stress nicht handelt, tritt meist folgende Entwicklung los: Man arbeitet mehr und mehr und geht über die eigenen Grenzen hinaus. Die Energiereserven werden immer leerer und man ignoriert immer mehr seine eigenen Bedürfnisse. Kopf- und Rückenschmerzen werden genauso übergangen und mit Tabletten „kuriert“ wie Schlaflosigkeit – dabei sind das Signale und Hilferufe des Körpers. Freundschaften, Beziehungen und Hobbys werden unterversorgt. Man wird zum Roboter und zehrt sich aus.

Andere treten die Flucht nach innen an und gehen in den Verweigerungsmodus. Das klassische Absitzen ersetzt jegliche konstruktive Arbeit. In beiden Modi (zu viel oder Verweigerung) entfernt man sich immer mehr von sich selbst und man vernachlässigt sich selbst. Und um die quälende Leere, den emotionalen Hunger und die nervenden Gedanken abzustellen greifen viele zu Kompensationsmitteln: Essen, Alkohol, Drogen, Sport, Sex, mehr Arbeit etc. Diese sind (außer harte Drogen) in gewissen Maßen okay, nicht aber im Missbrauchsmodus.

Phase 4 – Rückzug

Das eigene Denken schränkt sich ein und man fokussiert nur noch auf das Negative. Wer zu diesem Zeitpunkt noch soziale Kontakte hat, setzt sie oftmals aufs Spiel, da permanentes Jammern irgendwann einfach für die meisten Freunde zu viel ist. Diese wenden sich ab oder man zieht sich selbst zurück, in der Überzeugung, dass einem eh keiner helfen kann.

Man saugt seine Energiereserven leer, man pflegt einen ungesunden (und zusätzlich belastenden) Lebensstil und man macht dies im vermeintlichen Alleingang. Gleichgültigkeit macht sich breit und suizidale Gedanken können aufkommen.

Phase 5 – Zusammenbruch

Den Zusammenbruch empfinden nicht alle als solchen, eher diejenigen die vorher im manischen und künstlich aufrecht gehaltenen Overdrive-Modus waren, da der Unterschied zwischen gestern und heute dramatisch unterschiedlich ist. Wer sich vorher schon in den Verweigerungszustand begeben hat, kommt auch irgendwann gar nicht mehr aus dem Bett, aber dies kann eher wie eine langsame Entwicklung aussehen.

Das Endresultat ist das selbe: Ein geschädigter, erschöpfter, sinn-entleerter Mensch, der so weit von sich selbst entfernt ist, dass er keine Ahnung hat, wer er ist und was er tun soll und sich oftmals selbst die Schuld für alles gibt. Und je nachdem, wie weit der Schaden fortgeschritten ist, kann er selbst noch nicht mal um Hilfe bitten. Die Sinn- und Identitätskrise hat ihren Höhepunkt erreicht und die Person braucht professionelle Hilfe von außen.

Warnsignale erkennen lernen

Dieser klassische Burnoutverlauf, der sich meist über Monate oder sogar Jahre hinziehen kann, entwickelt sich wie in den oben beschriebenen Phasen. Natürlich findet er nicht immer genauso statt und vor allem passiert er nicht nur in der Arbeitswelt. Junge Mütter, Rentner, Singles in einer neuen Stadt – jeder neue Zustand, der mit einem hohen Erwartungswert beginnt, trägt das Potential zu solch einer Entwicklung, die in vollen Maße dramatische Auswirkungen haben kann. Neben dem oben beschriebenen persönlichen und gesundheitlichen Verfall können dabei Beziehungen kaputt gehen, Kontostände leer gefegt werden und andere Schäden entstehen, die nur schwer oder gar nicht mehr zu korrigieren sind.

Burnout umfasst eine tiefe Identitätskrise, die oftmals ihren Ursprung in zu hohen Erwartungen an eine Situation hatte. Die letztendliche Totalerschöpfung ist das sozial akzeptierte Zeichen nach außen, dass etwas nicht stimmt. Burnout ist allerdings mehr als Erschöpfung, die auch entstehen kann wenn man wegen Termindruck drei Wochen durcharbeitet oder fünf Freunden am Stück beim Umzug hilft. Burnout entsteht früher und geht tiefer. Wer selbst noch in der Lage ist, die Reißleine zu ziehen und aktiv Dinge zu tun, die einem gut tun, ist zum Glück noch ein Stück vom Burnout entfernt.

Aber egal wo man sich auf der Skala befindet. Es lohnt sich immer genauer hinzuschauen wenn Dinge passieren, die sich nicht gut anfühlen. Traurigkeit, Motivationsverlust, Bauchschmerzen oder Schlafprobleme entstehen meist aus gutem Grund. Gedanken wie „Ist doch eigentlich eh alles egal“ oder „Wenn ich mich zusammenreiße geht’s schon“ können Warnsignale sein.

Wenn man sich ihnen offen stellt und sie hinterfragt, gibt man sich die beste Chance rechtzeitig einzulenken und gegebenenfalls nach Hilfe zu suchen.

 

Reizdarm: Verhaltenstherapie für den Bauch

Von Christiane Fux, Medizinredakteurin

bauchweh

© asbe24 – Fotolia

Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall – ein Reizdarm kann die Lebensqualität erheblich einschränken. Helfen kann dann unter anderem eine Psychotherapie – insbesondere eine sogenannte kognitive Verhaltenstherapie.

Obwohl das Reizdarmsyndrom weit verbreitet ist, ist bislang unklar, warum der Darm von manchen Menschen verrückt spielt. Dementsprechend schwierig ist es, die Beschwerden wirksam zu behandeln. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die Psyche einen wichtigen Einfluss auf das Reizdarmsyndrom haben könnte. Insbesondere bei Stress können sich die Symptome verstärken – und wer dauernd gestresst ist, hat schlechte Karten, beschwerdefrei zu werden.

Kognitive Verhaltenstherapie besonders hilfreich

Auch deshalb ist die Behandlung der Psyche ein vielversprechender Ansatz Reizdarmpatientens. Neben dem Erlernen einer Entspannungstechnik helfen offenbar auch psychotherapeutische Verfahren, die Belastung in den Griff zu bekommen.

Wissenschaftler der Vanderbilt University hatten verschiedene psychologische Methoden zur Behandlung des Reizdarmsyndroms untereinander und mit den Ergebnissen von Kontrollgruppen verglichen. Dazu hatten sie 31 Untersuchungen mit rund 1.700 Teilnehmern ausgewertet.

Alltagstauglichkeit im Blick

Dabei interessierte die Forscher um Kelsey Laird insbesondere, inwiefern die Patienten in Hinblick auf ihren Alltag und das soziale Leben von der Therapie profitierten. „Das zu evaluieren ist wichtig, denn manche Patienten können trotz ihrer körperlichen Symptome voll am Arbeitsleben, der Schule und an sozialen Aktivitäten teilnehmen – andere aber gelingt das nicht“, sagt Laird, die Erstautorin der Studie.

Als besonders effektiv hatte sich dabei die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen. Sie basiert auf der Vorstellung, dass ungünstige Überzeugungen, Denk- und Verhaltensmuster negative Gefühle und Stress erzeugen. Ziel der Therapie ist es, solche negativen Muster durch eine gesündere innere Haltung und Verhaltensweisen zu ersetzen.

Durchfall ist nicht gleich Durchfall

Akuter Durchfall klingt meistens innerhalb weniger Tage von allein wieder ab. Aber was, wenn er länger als zwei Wochen anhält?

Herausforderungen meistern

Insbesondere ein zentraler Aspekt der kognitiven Verhaltenstherapie könnte die Lebensqualität der Patienten verbessern, mutmaßen die Forscher: die sogenannte Exposition. Dabei stellen sich die Betroffenen schrittweise immer größeren Herausforderungen. Im Falle von Reizdarmpatienten können das längere Autofahrten sein, ein Restaurantbesuch oder das Aufsuchen von Orten, an denen Toiletten nicht überall erreichbar sind.

Laird sagt: „Die Patienten zu ermutigen, sich solchen Situationen auszusetzen, kann ihnen ermöglichen, an einem weiteren Feld von Aktivitäten teilzunehmen.“ Damit steigt die Lebensqualität – auch unabhängig davon, in welchem Maße die Therapie tatsächlich auch die Symptome reduziert. Letzteres müssten weitere Untersuchungen zeigen, schreiben die Forscher.

Quelle: Kelsey Laird et al.: Comparative efficacy of psychological therapies for improving mental health and daily functioning in irritable bowel syndrome: A systematic review and meta-analysis“, Clinical Psychology Review 2016, Nov. 18.

Herz und Niere könnten schon bald aus dem 3D-Drucker kommen

Lebendes Gewebe aus dem 3D-Drucker
Einem Team aus Forschern und 16 Studenten der Technischen Universität München (TUM) und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ist auf dem Weg zum Herz per Knopfdruck jetzt ein wegweisender Schritt gelungen. Sie haben Gewebe aus lebenden Zellen mit dem 3D-Drucker geschaffen – mit einem fundamental neuen Verfahren

Quelle: Hans-Rudolf Schulz

Organe aus dem 3D-Drucker? Klingt wie Science Fiction. Doch nun sind Münchner Forscher diesem Ziel, das Tausende Leben retten und die Medizin revolutionieren würde, ein wichtiges Stück näher gekommen.

 

Der Patient kämpft mit dem Tod: Sein Herz ist zu schwach. Nur ein neues Organ kann ihn retten. Im OP laufen bereits die Vorbereitungen für die Transplantation. Noch ein paar Stunden, dann ist es fertig ausgedruckt, das neue, das künstliche Herz. Designt von einem 3D-Drucker aus körpereigenen Stammzellen, entnommen aus dem Beckenknochen des Kranken.

Was klingt wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film, ist eine Vision, die Münchner Wissenschaftler für durchaus realisierbar halten. Bio-Printing nennt sich das Drucken von lebenden Zellen. Ein Verfahren mit dem Potenzial, die Medizin zu revolutionieren und unzählige Leben zu retten.

In Deutschland warten Tausende auf ein neues Organ

Einem Team aus Forschern und 16 Studenten der Technischen Universität München (TUM) und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ist auf dem Weg zum Herz per Knopfdruck jetzt ein wegweisender Schritt gelungen. Sie haben Gewebe aus lebenden Zellen mit dem 3D-Drucker geschaffen – mit einem fundamental neuen Verfahren.

Allein in Deutschland warten mehr als 10.000 Menschen auf ein neues Organ. Doch nur jedem Dritten kann überhaupt geholfen werden. Durch den im Jahr 2012 publik gewordenen Organspende-Skandal an mehreren Deutschen Krankenhäusern hat sich der ohnehin schon dramatische Mangel an Spenderorganen wie Herzen, Lebern, Lungen oder Nieren in den letzten Jahren nochmals gravierend verschärft – auch in Bayern.

Damals wurde bekannt, dass auch in München und Regensburg Mediziner Krankenakten gefälscht hatten, um ausgewählte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen. Im Jahr 2015 haben die Kliniken im Freistaat nur 108 Organverpflanzungen durchgeführt. In den Jahren vor dem Skandal waren es rund 140 Transplantationen.

Lebendes Gewebe aus dem 3D-Drucker
„Unsere Methode könnte es ermöglichen, komplette Organe herzustellen“, sagt Professor Arne Skerra (r.) vom Lehrstuhl für Biologische Chemie der Technischen Universität München, hier mit Doktorand Andreas Reichert am biotINK- Gewebedrucker

Quelle: Hans-Rudolf Schulz

Organe aus dem Bio-Printer hingegen wären nicht nur perfekt auf den vorgesehenen Körper abgestimmt, sondern auch stets verfügbar. Niemand müsste mehr sterben, damit ein anderer überleben kann. Für Wissenschaftler aus aller Welt ist dies ein enormer Anreiz, um an der Entwicklung von menschlichen Organen zu arbeiten.

„Unsere Methode könnte es ermöglichen, komplette Organe herzustellen“, sagt Professor Arne Skerra vom TUM Lehrstuhl für Biologische Chemie. Er ist überzeugt: „In zehn bis 20 Jahren ist die erste künstliche Niere wahrscheinlich machbar.“

Knochen aus dem Drucker? Längst Stand der Technik

Der Druck von Knorpeln, Zahnersatz oder Knochen, vor allem nicht lebendem biologischen Material, ist bereits Stand der Technik. „Auf dem Weg zum Druck komplexer Zellverbände hingegen sind noch wesentliche Hürden zu bewältigen“, sagt Skerra, Spezialist auf dem Gebiet des Protein-Designs. Um die gewünschte Form – sei es die eines Ohres oder gar einer Niere – zu erzielen, wurde bislang erst ein gelatineartiges Gerüst aus sogenanntem Hydrogel produziert und in einem zweiten Schritt mit Zellen besiedelt.

„Wir wollten ohne eine solche Stützmatrix auskommen und die Zellen von vorneherein in die richtige, dreidimensionale Form bringen“, erklärt Skerra den Ansatz seiner Methode. Das Ziel wurde bereits erreicht – mit einem umgebauten 3D-Drucker und einer völlig neuartigen Biotinte.

Der Drucker, ein weißer, von innen beleuchteter Kasten, steht im Labor von Skerras Lehrstuhl in Weihenstephan und ist nicht viel größer als ein Schuhkarton. Doch sein Innenleben hat es in sich. Die Studenten haben das handelsübliche Gerät so umgebaut, dass es nicht mit Kunststoff, sondern mit lebenden Zellen druckt.

Der Clou: biochemischer Zweikomponentenkleber

„Damit wird der 3D-Plastikdrucker zum 3D-Biodrucker“, erklärt Skerra und legt zur Veranschaulichung ein Kunstherz in das Gerät. Aus der feinen Nadel in der Mitte des beweglichen Druckkopfs tropft die preisgekrönte Entdeckung des Teams: die sogenannte „bioInk“. „Das ist eine Art biochemischer Zweikomponentenkleber“, sagt der 55-Jährige. Die eine Komponente bestehe aus mit Biotin beladenen Zellen in einer Nährflüssigkeit. Die andere Komponente enthalte eine konzentrierte Lösung des Proteins Streptavidin. Dieses Protein sei dann in der Lage, das Biotin zu binden.

„In dem Moment, in dem die Zellen in das Bad mit der zweiten Klebekomponente gedruckt werden, bleiben sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip aneinander kleben und an Ort und Stelle sitzen“, erläutert Skerra und fügt hinzu: „Nach unserer Erwartung ist das die beste Ausgangsvoraussetzung, damit die Zellen anschließend selbst eine natürliche Stützmatrix synthetisieren, und so im Laufe der Zeit aus dem losen Zellverband ein richtiges dreidimensionales Organ wird.“ In dieser Weise habe das noch niemand vorher gemacht.

Auszeichnung für das in München entwickelte Verfahren

Das unter Skerras Anleitung entwickelte Verfahren wurde kürzlich ausgezeichnet: Die Münchner Nachwuchsforscher gewannen damit in den USA den ersten Preis beim international Genetically Engineered Machine (iGEM) Wettbewerb – einer Art akademischer Weltmeisterschaft auf dem Gebiet der Synthetischen Biologie.

300 Finalistenteams, davon zwölf aus Deutschland, traten in Boston an. Das Münchner Team mit Studenten aus den Fachrichtungen Molekulare Biologie und Ingenieurswissenschaften, überzeugte die Expertenjury. „Das war ein genialer Moment und sehr bewegend“, erzählt der 31-jährige Doktorand Andreas Reichert über die Preisverleihung Ende Oktober. Er hatte die wissenschaftliche Aufsicht über das auf sechs Monate angelegte und eigens für den renommierten Wettbewerb entworfene Projekt. Ein Vollzeitjob.

Ein Leben an der Dialyse oder das Risiko sich mit einer gefährlichen Krankheit zu infizieren? Die Amerikanerin Irma Hendricks hat sich für die Transplantation einer mit Hepatitis C infizierten Niere entschieden.

Rund 50.000 Euro hat die von den beiden Münchner Universitäten, einem Graduiertenkolleg und verschiedenen Sponsoren geförderte Forschungsarbeit gekostet. Allein die Hälfte davon ging für die Teilnahmegebühr und die Reisekosten in die USA drauf. Nun hoffen Doktorand Andreas Reichert und Professor Arne Skerra, dass biopharmazeutische Labors die Technologie weiterentwickeln und vielleicht eine Kooperation eingehen.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Dem Bioprinting-Markt wird eine erhebliche Steigerung prophezeit. Das Marktforschungs- und Konsultingunternehmen P&S Market Research rechnet damit, dass die Branche von 2016 bis 2022 eine Wachstumsrate von mehr als 35 Prozent verzeichnen wird. Im Jahr 2015 betrug der Umsatz im Bioprinting dem Bericht des Unternehmens zufolge insgesamt 100 Millionen Dollar. Führend in der Branche sind Unternehmen wie Organovo aus Kalifornien, Cyfuse aus Japan und das russische Unternehmen 3D Bioprinting Solutions.

Schon bald könnte gedrucktes Gewebe Unfallopfern helfen

„Was wir gemacht haben, ist Grundlagenforschung“, so der Münchner Professor. Bis zur Anwendungsreife müsse noch sehr viel passieren. Die Forschungsergebnisse seien jedoch für jeden frei einsehbar und verwendbar. Ein Patent wurde nicht angemeldet. „Wir hoffen natürlich, dass unser Verfahren nicht in der Schublade landet, sondern aufgegriffen wird.“

Er ist überzeugt: „Einfache Gewebe, die nur aus wenigen verschiedenen Zelltypen bestehen, wie beispielsweise Haut, könnten schon in einem Zeitrahmen von fünf Jahren in der Humanmedizin zum Einsatz kommen. Das Gewebe könnte Verbrennungsopfern oder Patienten nach einem Unfall helfen.

Experten aus dem zellmedizinischen Bereich seien jetzt gefragt. „Unser Beitrag ist der Kleber, jetzt müssen andere damit die richtigen Zelltypen zusammenkleben und zum Wachsen bringen“, so Skerra.

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