Vom Pflegeheim in die Klinik und zurück – das muss kein Dauerzustand sein

Könnten Hausärzte im Pflegeheim ein EKG machen oder Ultraschalluntersuchungen vornehmen, ließe sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen bereits erheblich reduzieren. Das zeigt eine Untersuchung der Universität Witten/Herdecke.

Vom Pflegeheim in die Klinik und zurück – das muss kein Dauerzustand sein

© Atkins / fotolia.com

Die Zahl der Krankenhauseinweisungen der Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen lässt sich um ein Drittel reduzieren. Davon profitieren nicht nur die Patienten selbst, die in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, sondern auch das Gesundheitssystem profitiert durch geringere Kosten. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Studie von Pflegewissenschaftlern der Universität Witten-Herdecke, die jetzt ihren Abschlussbericht vorgelegt haben. Niedergelassene Ärzte können dabei eine wichtige Rolle spielen.

„Auf die Idee zu der Studie gebracht haben uns Studierende“, erklärt Professor Christel Bienstein, die Leiterin der Studie. Sie berichteten über die schwierige Situation der Menschen, die nach einem Krankenhausaufenthalt zurück in die Einrichtung kommen. Insbesondere für alte Menschen mit Demenz, zu denen mittlerweile zwei Drittel der Altenheimbewohner zählen, bedeutet ein Verlassen der gewohnten Umgebung besonderen Stress und damit eine Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes. Krankenhäuser wiederum seien auf solche Patienten und ihre besonderen Bedürfnisse schlecht vorbereitet. Gleiches gelte für Menschen mit Behinderungen.

Skandinavien ist deutlich weiter

Über mehr als zwei Jahre untersuchten die Wittener Wissenschaftler die Versorgung in vier stationären Altenpflegeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen, drei davon über die gesamte Laufzeit – Umfang und Gründe der Krankenhauseinweisungen, Möglichkeiten der Vermeidung und ihre Auswirkungen auf die Kosten. „Alternative Versorgungsmodelle für akut erkrankte Pflegebedürftige sind in Deutschland bisher wenig beforscht und gewinnen bei sich ändernder Altersstruktur an Bedeutung“, heißt es im Abschlussbericht zur Studie. Die Pflegewissenschaftler verweisen auf geschätzte eine Million Krankenhauseinweisungen pro Jahr aus Altenheimen.

In Skandinavien sei man auf diesem Gebiet deutlich weiter, ergänzt Bienstein. Dort sind Altenpflegeeinrichtungen vor allem daraufhin ausgelegt, den Menschen eine Rückkehr in ihr gewohntes Zuhause zu ermöglichen. In den nordischen Ländern finden sich auch deutlich mehr Ärzte in den Einrichtungen. Und das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Deutschland, erklärt die Expertin. Denn neben der personellen Ausstattung und Qualifikation der Mitarbeiter in den Einrichtungen selbst sehen die Pflegewissenschaftler einen wichtigen Ansatzpunkt zur Verbesserung der Situation in der engeren Einbeziehung von Haus- und Fachärzten.

Fördermittel von den Kassen nutzen

Im Gegensatz etwa zu den Apotheken vor Ort sei die Zusammenarbeit mit ihnen häufig noch problematisch. „Es wird empfohlen, Hausärzte/-ärztinnen verbindlich zu einer regelmäßigen Visite ihrer Patienten und Patientinnen zu verpflichten. Weiterhin sollten sie an Fallbesprechungen und auch an ethischen Entscheidungsfindungen teilnehmen“, so der Abschlussbericht. Immerhin würden Krankenkassen mittlerweile Fördermittel für integrierte Versorgungsmodelle zur Verfügung stellen.

In den Altenheimen könne die Einrichtung eines Arztzimmers die Versorgung verbessern und die Arbeit der Ärzte erleichtern. Schon die Möglichkeit, vor Ort ein EKG oder eine Ultraschalluntersuchung durchzuführen, erspare viele Einweisungen in die Klinik. „Es muss der Einrichtung möglich sein, medizinische Behandlungsmaßnahmen im Altenheim auch über das SGB V abzurechnen“, fordern die Pflegewissenschaftler.

Kooperation mit Kliniken ausbauen!

Auch die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern müsse sich verbessern. Hier gebe es viele „kommunikative Hemmnisse“, beispielsweise dadurch, dass die Altenheime keine Entlassbriefe erhalten.

Die an der Studie beteiligten Einrichtungen können sich allesamt vorstellen, Krankenhaus-Betten dem örtlichen Altenheim zuzuordnen. Es habe sich in der Studie gezeigt, dass es möglich sei, Behandlungen dort unter DRG Bedingungen abzurechnen. Voraussetzung sei, dass die akut erkrankten Bewohner von Klinikärzten betreut werden.

Alle Maßnahmen zusammen könnten die Zahl der Einweisungen aus Altenpflegeeinrichtungen in Krankenhäuser um 35 Prozent reduzieren, schätzt Bienstein. Am Ende würde dies auch zu einer deutlichen Reduktion der Kosten im Gesundheitssystem führen, sagt Professor Sabine Bohnet-Jeschko, die die ökonomischen Auswirkungen der Krankenhauseinweisungen untersucht hat. Allein die Beispielindikation Pneumonie habe 2013 Kosten von 163 Millionen Euro für die Versorgung von Pflegeheimbewohnern in Krankenhäusern verursacht, obwohl in vielen Fällen eine Behandlung auch in der Einrichtung möglich gewesen wäre.

Quelle: ÄrzteZeitung Online 16.02.2017

Innovative diagnostische Ansätze bei Alzheimer

Schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an der Alzheimer-Krankheit, Tendenz steigend: Experten rechnen mit drei Millionen Erkrankten im Jahr 2050. Es scheint sicher, dass Funktionsstörungen in den Mitochondrien der Zellen eine entscheidende Rolle bei der Ausbildung der Krankheit spielen. Fehlerhafte Stoffwechselfunktionen in diesen „Kraftwerken der Zellen“, wie die Mitochondrien auch genannt werden, sollen ebenfalls für die Entstehung von Tumor- und Autoimmunerkrankungen verantwortlich sein.

Bislang war es nicht möglich, die komplexen Abläufe des mitochondrialen Stoffwechsels auf intrazellulärer Ebene darzustellen. Dr. Angelika Rück, Prof. Dr. Christine A. F. von Arnim und Dr. Björn von Einem von der Universität Ulm ist es jetzt gelungen, ein Verfahren zur optischen Darstellung der Prozesse in den Zellen zu entwickeln. Mithilfe dieser Methode, die im Rahmen eines Projektes der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) im Auftrag der Forschungsvereinigung Feinmechanik, Optik und Medizintechnik e. V. (F.O.M.) entwickelt wurde, ist es zukünftig möglich, erfolgversprechende Diagnostik und Therapieansätze zur Bekämpfung sogenannter Volkskrankheiten zu realisieren. Das IGF-Vorhaben war im Dezember 2016 unter den drei Finalisten bei der Wahl zum Otto von Guericke-Preis der AiF. Der Preis wird einmal im Jahr für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der IGF vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die vorwettbewerbliche IGF wird im Innovationsnetzwerk der AiF und ihrer 100 Forschungsvereinigungen organisiert und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) mit öffentlichen Mitteln gefördert.

Diagnostik und Medikamentenentwicklung

Im gesunden Gehirn befinden sich 100 Milliarden Nervenzellen und in jeder einzelnen davon arbeiten an die 1.000 Mitochondrien. Bislang war es nicht möglich, die eigentliche Stoffwechselaktivität der Zellen sichtbar zu machen; der Zellstoffwechsel konnte lediglich über den Sauerstoffverbrauch der Zellen gemessen werden. Das neuartige Verfahren erlaubt es jetzt, diese Zellaktivitäten visuell abzubilden. Dazu haben die Ulmer Forscher zwei unterschiedliche Methoden der Fluoreszenz- und Phosphoreszenzmessung zu einem innovativen optischen Verfahren kombiniert. Die Wissenschaftler sind sich sicher, dass das Verfahren über die Diagnostik hinaus zukünftig auch für die Medikamentenentwicklung von Bedeutung sein wird.

„Vereinfacht gesagt messen wir die Dauer der Lichtemissionen der einfachsten Moleküle des mitochondrialen Stoffwechsels. Dazu verwenden wir einen Laser, der die Moleküle anregt und wir messen Dauer der Fluoreszenz und die Abklingzeit in Nanosekunden. Gleichzeitig ermitteln wir die Sauerstoffkonzentration mittels eines Phosphoreszenzmarkers.“, erklärt Rück. „Mit dem von uns entwickelten optischen Verfahren sind wir erstmals in der Lage wesentliche Stoffwechselprozesse in Mitochondrien lebender Zellen darzustellen. So können wir auch metabolische Veränderungen bei Krankheiten wie Alzheimer verstehen.“, ergänzt von Arnim.

„Die Ergebnisse dieses IGF-Projektes werden nicht nur die Entwicklung vielversprechender validierter Therapien vorantreiben; sie sind auch für den Mittelstand in Deutschland von hoher wirtschaftlicher Relevanz. Wir als mittelständisches Unternehmen sind davon überzeugt, dass wir für diese Methode in Zukunft noch weitere Anwendungsgebiete erschließen können.“, betont Dr.-Ing. Ludwig Bergann von der Becker & Hickl GmbH. Das Unternehmen war im Projektbegleitenden Ausschuss des IGF-Projektes aktiv.

Dr. Markus Safaricz, Geschäftsführer der F.O.M., die das IGF-Projekt auf den Weg gebracht und koordiniert hat, ist von dem Mehrwert der Ergebnisse überzeugt: „Die Menschen in unserer Gesellschaft werden immer älter und dadurch steigt die Häufigkeit von Alterskrankheiten. Der Erhalt des gesunden Lebens wurde daher von der Bundesregierung als eine der prioritären Zukunftsaufgaben ausgewiesen. Dieser Herausforderung stellen wir uns. Die Ergebnisse dieses interdisziplinären IGF-Projektes versprechen bedeutende Fortschritte in der Ursachenforschung von Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes. Zudem ermöglichen sie kleinen und mittelständischen Unternehmen unterschiedlicher Branchen die Entwicklung wirksamer Therapieansätze.“

Quelle: Bionity.com 17.2.2017

 

Hinter Vergesslichkeit steckt nicht immer eine Demenz

Aktiv zu bleiben und Sport zu treiben beugt einer Demenz vor. Beim Tanzen wird auch die Koordination geschult.
Aktiv zu bleiben und Sport zu treiben beugt einer Demenz vor. Beim Tanzen wird auch die Koordination geschult. Foto: dpa

Mal fehlt ein Wort, dann wieder fällt einem partout der Name eines ehemaligen Nachbarn nicht ein. Und schon ist sie da – die Angst, an Demenz erkrankt zu sein. Die ist aber nicht immer begründet.

Manchmal findet man den Zugang zu Informationen, die die längere Zeit nicht mehr abgerufen wurden oder die man insgesamt nur selten nutzt, einfach nicht mehr. „Das kann normal sein“, erklärt Prof. Erika Baum, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Ob jemand tatsächlich dement ist, finden Ärzte mit speziellen Tests heraus.

Hier und da mal etwas zu vergessen – das kennt jeder. Vor allem wer mehrere Dinge gleichzeitig im Auge hat, verliert leicht den Überblick. Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses ist nämlich begrenzt. Zum Arzt gehen sollten Betroffene, wenn sie häufiger solche Aussetzer haben oder es ihnen häufiger schwerfällt, sich zu orientieren. „Das gilt auch dann, wenn jemand Sachen verlegt und nicht mehr findet“, erklärt Iris Hauth. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

Vergesslichkeit kann viele Ursachen haben. Nicht immer steckt der Beginn einer Demenz dahinter. „Möglich ist, dass die Vergesslichkeit Anzeichen einer Depression oder einer Angstkrankheit ist“, erläutert Hauth. Sie kann aber auch auf einen Mangel von Vitamin B12 hindeuten, erklärt Ursula Sellerberg von der Bundesapothekerkammer.

Verdichten sich die Anzeichen, dass die Vergesslichkeit der Beginn einer Demenz sein könnte, dann kann der Hausarzt den Patienten an eine spezielle Praxis mit einer Gedächtnisambulanz überweisen. Dort wird die Gehirnleistung mit ausführlichen Tests auf eine mögliche Demenz und andere Ursachen hin untersucht.

Eine Demenz ist laut Baum am häufigsten auf altersbedingte Abbauerscheinungen, Eiweiß-Verklumpungen im Gehirn oder auch größere oder mehrfach kleinere Infarkte in der Hirnsubstanz zurückzuführen. Solche Infarkte entstehen durch Durchblutungsstörungen. Bestätigt sich die Diagnose, ist es wichtig, dass der Betroffene gezielt Hilfe bekommt, um seinen Alltag weiterhin zu meistern. Momentan ist die Krankheit nicht heilbar. Man kann den Verlauf aber verlangsamen, zum Beispiel mit Medikamenten oder Ergotherapie.

„Wichtig ist auch, dass der Betroffene sozial integriert ist“, erklärt Baum. Das heißt: Die Patienten sollten rausgehen, sich mit anderen treffen und sich viel bewegen. „Solche Aktivitäten tragen zum Wohlbefinden bei und wirken sich günstig auf den Verlauf einer Demenz aus.“

Aktiv zu bleiben und Sport zu treiben, beugt einer Demenz auch vor. Am besten eignen sich Sportarten wie Gymnastik oder Tanzen, bei denen gleich mehrere Körperpartien beansprucht werden und Koordination eine Rolle spielt. Wichtig ist auch eine gesunde Lebensweise. „Dazu gehört, kein Übergewicht zu haben und sich ausgewogen mit Obst und Gemüse zu ernähren“, sagt Hauth.

Quelle: Hamburger Abendblatt Online 17.2.2017

Kassenärzte: Bessere Abstimmung bei Notfallversorgung nötig

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert eine zentrale Nummer für Notfälle. Foto: Bernd Weissbrod

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert eine zentrale Nummer für Notfälle. Foto: Bernd Weissbrod

Die Notfallversorgung von Patienten muss zwischen den Bereitschaftsdiensten niedergelassener Ärzte und den Notfallambulanzen von Kliniken nach Ansicht der Kassenärzte besser abgestimmt werden.

Wie der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, der Deutschen Presse-Agentur sagte, ist für Patienten im Notfall wichtig, «dass es nur immer eine Anlaufstelle gibt, nicht zwei parallele Strukturen». Ein Patient, der «zur Unzeit» eine ärztliche Versorgung benötige, müsse eine zentrale Nummer wählen können, die ihn entweder in die ambulante Versorgung eines niedergelassenen Arztes verweise oder in die Notfallaufnahme eines Krankenhauses.

Gassen sagte: «Ein Notdienst, der abgestimmt zwischen Krankenhäusern und Niedergelassenen besteht, ist wichtig und richtig und anders wird es auch nicht gehen.» Er fügte vor allem mit Blick auf die Krankenhäuser hinzu: «Wir müssen diese Dienste zusammenführen. Wir müssen uns abstimmen.»

Die zentrale Nummer sieht Gassen in der Bereitschaftsdienstnummer 116117 der niedergelassenen Ärzte. Er räumte aber ein, dass diese Nummer noch zu wenig bekannt ist und forderte: «Wir müssen die 116117 populärer machen.» Der KBV-Chef erläuterte, die 116117 sei für den Bereitschaftsdienst und die 112 für den Notfall, etwa bei schweren Unfällen, bei Verdacht auf Hirnschlag oder Herzinfarkt.

Gefragt seien bei dieser Zusammenarbeit vor allem die 17 regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), die am besten Vereinbarungen mit den regionalen Krankenhäusern treffen könnten. «Manchmal klappt dies schon hervorragend.»

Gassen bekräftigte zudem seine Kritik, dass für manche Krankenhäuser «die Notfallambulanz der Staubsauger für eine stationäre Bettenfüllung» sei. «Die Hälfte aller Belegung kommt über die Notaufnahme. Und wir wissen, jeder vierte Krankenhausfall ist eine Fehlbelegung.»

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wies diese Vorwürfe wiederholt zurück. Und nach Darstellung der Bundesärztekammer (BÄK) sind die Notfallambulanzen im Gegenteil viel zu oft überlastet. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass Patienten in der Notfallambulanz schnelle Hilfe suchten. Das führe dann zu langen Wartezeiten, und manchmal auch zu Aggressionen bei den Patienten.

Der stellvertretende Vorsitzende des Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands, Ingo Morell, sagte: «Eine höhere Popularität der Bereitschaftsdienstnummer der Kassenärztlichen Vereinigungen allein wird nicht genügen, um flächendeckend einen vernünftigen Notdienst zu organisieren.» Hier seien aber nicht primär die Kassenärzte in der Steuerungsfunktion, «sondern es müssen die Erkenntnisse aus beiden Bereichen zusammengeführt werden».

Nach Darstellung der Krankenhausgesellschaft ist die Vergütung für ambulante Notfälle nicht ausreichend. Einem Erlös pro Fall von 32 Euro stünden Kosten von 120 Euro gegenüber. Es komme somit zu einer Unterdeckung von einer Milliarde Euro in den Krankenhäusern.

Quelle: Stern Online 20.02.2017

Lebenserwartung wird 90 Jahre übersteigen

Älter geht nicht? Doch, meinen Forscher. In Industriestaaten wird die Lebenserwartung weiter steigen, bei Südkoreanerinnen auf 90 Jahre. Auch die Deutschen können bis 2030 mit mehr Lebenszeit rechnen.

Fröhliche Senioren

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Frauen und Männer in den Industrieländern werden immer älter: Die Lebenserwartung von Kindern, die im Jahr 2030 in entwickelten Ländern zur Welt kommen, könnte auf über 90 Jahre steigen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Team um Vasilis Kontis vom Imperial College London nach einer Analyse von Daten aus 35 Ländern. Die Studie in der Fachzeitschrift „The Lancet“ zeigt, dass die Kluft zwischen Männern und Frauen in der Lebenserwartung voraussichtlich schrumpfen wird.

Für ihre Analysen errechneten die Forscher mithilfe eines statistischen Modells und anhand der Geburts- und Sterbedaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die durchschnittliche Lebenserwartung in den 35 Industriestaaten für den Geburtsjahrgang 2030. Im Gesamtergebnis wird die Lebenserwartung von Männern in allen Ländern mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 85 Prozent ansteigen, für Frauen mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent.

Ranking der Lebenserwartung bei Männern 2030

Nr. Land 2010 2030
1 Südkorea 77.11 84.07
2 Australien 80.10 84.00
3 Schweiz 80.01 83.95
4 Kanada 79.41 83.89
5 Niederlande 78.91 83.69
6 Neuseeland 79.01 83.59
7 Spanien 78.66 83.47
8 Irland 77.96 83.22
9 Norwegen 78.69 83.16
10 Italien 78.94 82.82
11 Japan 79.44 82.75
12 Dänemark 77.22 82.53
13 Schweden 79.55 82.52
14 Großbritannien 78.34 82.47
15 Slowenien 75.88 82.26
16 Deutschland 77.91 81.96
17 Frankreich 77.93 81.74
18 Portugal 76.71 81.68
29 Österreich 77.73 81.40
20 Finnland 76.72 81.05
21 Belgien 77.35 80.88
22 Chile 76.74 80.74
23 Griechenland 77.89 80.59
24 Singapur 75.87 79.57
25 USA 76.52 79.51
26 Tschechien 74.36 79.51
27 Ungarn 70.65 78.18
28 Kroatien 73.10 77.80
29 Polen 71.86 77.21
30 Slowakei 71.62 76.98
31 Mexiko 73.15 76.15
32 Mazedonien 72.29 74.65
33 Rumänien 70.12 74.21
34 Bulgarien 70.21 74.07
35 Serbien 70.25 73.37

Auch die Deutschen werden immer älter

Es gibt aber deutliche regionale Unterschiede: Eine Lebenserwartung von über 90 Jahren werden Frauen demnach in Südkorea im Jahr 2030 mit einer Wahrscheinlichkeit von 57 Prozent erreichen. „Bis vor Kurzem noch haben viele Wissenschaftler gedacht, dass die Lebenserwartung niemals 90 Jahre überschreiten wird“, sagte der Hauptautor der Studie, Majid Ezzati. Auch bei den männlichen Südkoreanern verlängere sich durchschnittliche Lebenserwartung bis 2030 auf 84,1 Jahre.

Südkorea macht große Anstrengungen beim Ausbau des Gesundheitswesens und bei einer ausgewogenen Ernährung für Kinder und Jugendliche. In dem asiatischen Land gibt es zudem weniger übergewichtige Menschen und weniger rauchende Frauen als in anderen Industrienationen.

Fast so alt wie die Südkoreanerinnen werden der Studie zufolge Frauen aus Frankreich (durchschnittlich 88,6 Jahre) und Japan (88,4 Jahre). Bei den Männern liegen Australier und Schweizer mit je durchschnittlich 84 Jahren auf Rang zwei.

Auch in Deutschland werden die Menschen demnach weiterhin älter. Aktuell liegt die Lebenserwartung von Männern hierzulande bei rund 78 Jahren. Bis 2030 wird sie der Studie zufolge auf fast 82 steigen. Frauen in Deutschland werden im Jahr 2030 eine Lebenserwartung von knapp 86 Jahren haben – ein Anstieg um drei Jahre.

Ranking der Lebenserwartung bei Frauen 2030

Nr. Land 2010 2030
1 Südkorea 84.23 90.82
2 Frankreich 84.86 88.55
3 Japan 86.66 88.41
4 Spanien 84.83 88.07
5 Schweiz 84.59 87.70
6 Australien 84.53 87.57
7 Portugal 83.14 87.52
8 Slowenien 82.68 87.42
9 Italien 84.18 87.28
10 Kanada 83.94 87.09
11 Chile 82.95 86.89
12 Finnland 83.30 86.43
13 Österreich 83.21 86.22
14 Irland 82.59 86.15
15 Schweden 83.49 85.98
16 Neuseeland 82.80 85.96
17 Deutschland 82.81 85.86
18 Belgien 82.76 85.64
19 Norwegen 83.08 85.55
20 Niederlande 82.85 85.39
21 Großbritannien 82.32 85.25
22 Dänemark 81.33 84.95
23 Griechenland 82.63 84.82
24 Singapur 81.54 84.81
25 Tschechien 80.63 84.42
26 Polen 80.40 84.01
27 USA 81.24 83.32
28 Kroatien 79.80 83.19
29 Mexiko 78.91 82.96
30 Slowakei 79.25 82.92
31 Ungarn 78.42 81.74
32 Rumänien 77.46 81.24
33 Bulgarien 77.33 78.87
34 Serbien 75.71 78.27
35 Mazedonien 76.47 77.83

„Männer rauchen und trinken mehr“

In den USA hingegen, die unter den Industrieländern bei der Lebenserwartung vergleichsweise schlecht abschneidet, ist bis 2030 (83,3 Jahre bei Frauen und 79,5 Jahre bei Männern) keine wesentliche Verbesserung zu erwarten.

Als Gründe für die Lage in den USA und anderen vergleichbaren Ländern nennen die Experten unter anderem große gesellschaftliche Ungleichheit, das Fehlen eines allgemeinen öffentlichen Gesundheitssystems, eine relativ hohe Mütter- und Kindersterblichkeit in manchen Ländern sowie hohe Mordraten und Übergewicht – vor allem bei Kindern.

Quelle: Spiegel Online 22.2.2017

„Wie ich euch sehe“ Alzheimerpatient „Geht einfach über meine Vergesslichkeit hinweg“

Holger F. kann sich kaum noch Gesprächsinhalte oder Termine merken. Zum Glück hilft ihm seine Frau. Wie genau, erzählt der Alzheimerpatient in einer neuen Folge von „Wie ich euch sehe“.

Wenn ihr vor drei Tagen mit einem guten Freund ein Gespräch geführt habt, erinnert ihr euch mit ziemlicher Sicherheit daran. Zumindest an die wichtigsten oder interessantesten Punkte. Ich vergesse ganze Unterhaltungen, habe wenige Tage später absolut keine Ahnung mehr, worum es ging oder dass ich sie überhaupt geführt habe. Ich stehe dann mit Freunden zusammen, und merke: Sie denken, ich weiß, worum es geht. Weiß ich aber nicht. Das setzt mich unter Druck. Unruhig warte ich darauf, dass ein Stichwort kommt, das mir weiterhilft: Ich brauche von euch Schlagwörter, Anknüpfungspunkte, irgendeinen Strohhalm. Das wirkt wie ein Schalter, der die Erinnerung an das Ereignis wieder hervorruft.

Vor einem Jahr erhielt ich die Diagnose Alzheimer. Die Ärzte sagen, die Krankheit entwickle sich bei mir sehr langsam, und dass ich die nächsten zehn Jahre noch gut damit leben könne. Ich nehme meine Krankheit trotzdem als Makel wahr. Natürlich bin ich benachteiligt, wenn ich in Gesprächen nicht mehr weiß, worum es geht. Und verunsichert, vor allem, wenn ich Personen nicht gut kenne. Ich sage nicht jedem, dass ich Alzheimer habe. Das erzähle ich nur meinen Bekannten und Freunden.

 

Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich in der Therapiegruppe mit anderen Betroffenen zusammen bin. Wir unternehmen gemeinsam etwas, gehen zum Beispiel Kegeln, oder sprechen über unsere Erfahrungen mit der Krankheit. Eigentlich darf ich das gar nicht laut sagen, aber: Zu sehen, dass es anderen Menschen noch schlechter geht als mir, macht es für mich leichter. Gleichzeitig hilft es mir, mich darauf einzustellen, was noch auf mich zukommt. Ich bin froh, noch einen Großteil meiner Fähigkeiten zu haben. Und genieße die Zeit, die mir bleibt.

Noch erinnere ich mich an die Namen meiner Freunde oder den meiner Frau. In der U-Bahn weiß ich, wo ich hinfahre und wo ich herkomme. Aber bei Terminen und Verabredungen, da wird es schwierig. Mit technischen Hilfen versuche ich, meine Aussetzer zu kompensieren oder auszutricksen. Die anstehende Geburtstagsparty eines Freundes vermerke ich in meinem elektronischen Kalender im Computer, der mit meinem Handy synchronisiert ist. Dann brummt oder klingelt es, wenn der Termin ansteht. Dabei muss ich sehr diszipliniert sein: Ich darf die elektronischen Erinnerungen nicht ignorieren und muss immer alles sofort eintragen. Ich würde Verabredungen oder Einladungen sonst vergessen.

Eine große Hilfe ist meine Frau. Wir haben eine gemeinsame E-Mail-Adresse, so kann nichts verloren gehen. Sie beherrscht auch das „Schlagwort-System“ sehr gut. Wenn sie in einem Gespräch merkt, dass mir gerade die Erinnerung fehlt, weiß sie genau, was sie sagen muss, um das Ereignis für mich wieder präsent zu machen.

Wenn ich einen Film im Fernsehen anschaue, erinnere ich mich Tage später kaum mehr an die Handlung. Das konnte ich war zwar noch nie so gut, durch die Krankheit wird es aber drastischer. Deutlicher bleibt mir ein Film im Gedächtnis, wenn ich ihn im Kino ansehe, also ein besonderes Ereignis damit verknüpfen kann und nicht nur nebenbei auf dem Sofa zu Hause fernsehe.

Erste Diagnose: Belastungsdepression

Vor drei Jahren fing es an. Mein Gedächtnis wurde schlechter. Ich bin 61 Jahre alt, habe viele Jahre als Ingenieur gearbeitet. Wenn ich so darüber nachdenke – vielleicht hat sich die Krankheit bei mir auch schon früher manifestiert. Die meisten Vergesslichkeiten konnte ich durch verstärkte Aufmerksamkeit und mehr Konzentration überbrücken. Trotzdem nahmen meine Kollegen die Veränderung wahr.

Einmal bat mich mein Vorgesetzter, ein bestimmtes Thema im Projektmeeting zu vertreten. Er selbst konnte nicht anwesend sein, der Punkt war aber wichtig für den Entschluss der Besprechung. Zum Zeitpunkt der Konferenz hatte ich aber unsere komplette Unterhaltung vergessen. Er machte mich natürlich zur Schnecke. Also ging ich zum Neurologen.

Die erste Diagnose lautete Belastungsdepression. Meinen Kollegen, die von meiner Vergesslichkeit sowieso schon genervt waren, genügte die Erklärung. Als meine Abteilung Personal entlassen musste und Abfindungen anbot, war ich mit dabei. Zu dem Zeitpunkt hatte ein Arzt die Diagnose bereits korrigiert: Alzheimer, nicht Burn-out. Meinem Chef und den Kollegen gegenüber verschwieg ich die Krankheit.

Von euch Kollegen hätte ich mir gewünscht, dass ihr mehr Verständnis für meine Symptome habt. Dass ich euch die Wahrheit hätte erzählen können. Im Gegensatz zu Alzheimer ist Burn-out in großen Unternehmen eine akzeptierte Krankheit, weil sie eine Konsequenz des Leistungsdrucks ist, dem man unterworfen war. Außerdem ist sie heil- und therapierbar. Alzheimer ist es nicht.

Ihr habt mir das Gefühl gegeben, meine Vergesslichkeit sei eine Schwäche. Wenn ich dann auch noch gesagt hätte, dass die Ursache Alzheimer ist – ihr hättet mich als Mensch mit einer solchen Behinderung wohl nicht mehr ernst genommen. Dabei hätte ich gerne in der Firma weiter gearbeitet. Wenn ihr die Bereitschaft gezeigt hättet, mit meiner Krankheit umzugehen.

Andererseits: Wenn ich mir vorstelle, wie ich selbst in der Situation meiner Kollegen auf jemanden wie mich reagiert hätte – womöglich hätte ich mich nicht unbedingt anders verhalten.

Ich glaube, für euch ist es die einfachste Lösung, wenn ihr über meine Vergesslichkeit einfach hinweggeht. Vor allem, wenn ihr nicht wisst, wie ihr damit umgehen sollt. Auch ich fühle mich damit im Moment noch wohler. Trotzdem wünsche ich mir von euch, dass ihr mehr über die Krankheit erfahrt und es so vielleicht irgendwann Platz in der Gesellschaft gibt, offen darüber zu sprechen.

Denn bisher ist das Verständnis für Alzheimer nur rudimentär. Vielleicht liegt es daran, dass zu wenige Menschen jemanden mit Demenz oder Alzheimer kennen. Womöglich kennt ihr doch jemanden – und wisst es nur nicht.

Quelle : Süddeutsche Zeitung 23.02.2017

Teure Pflege, teure Gesundheit

Kein Ausgabenblock im Gesundheitswesen wächst schneller als die Pflege. Aus neuen Zahlen des Statistikamtes ergibt sich, dass die Ausgaben der Pflegeversicherung binnen zehn Jahren um fast 60 Prozent gestiegen sind.

Die Ausgaben für medizinische Behandlung, Pflege und Prävention wachsen weiterhin schneller als die deutsche Wirtschaft.

Mit seiner Statistik hängt das Statistische Bundesamt immer ein wenig hinterher. Dafür sind es amtliche Zahlen. Das Wiesbadener Amt meldete für 2015 einen neuen Rekord bei den Gesundheitsausgaben. Um 101,8 Milliarden Euro oder 41,9 Prozent sind danach die Gesundheitsausgaben binnen zehn Jahren seit 2005 gestiegen auf 344,2 Milliarden Euro im Jahr 2015. Auf jeden Einwohner entfallen davon 4.213 Euro. Damit wachsen die Ausgaben für medizinische Behandlung, Pflege und Prävention weiterhin schneller als die deutsche Wirtschaft. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt nahm von 10,5 Prozent auf 11,3 Prozent zu. Das ist ein Anstieg um fast acht Prozent.

Vier Jahre in Folge wuchsen die Gesundheitsausgaben schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Und dieser Trend setzt sich fort. Für das gerade beendete Jahr 2016 prognostiziert das Statistik-Amt einen weiteren Anstieg um 14,9 Milliarden Euro auf 359,1 Milliarden Euro. Diese Expansion ist insofern bemerkenswert, als es der Gesundheitspolitik in der Vergangenheit seit den 1980er Jahren bis 2008 durchweg gelungen ist, die Ausgaben durch ihre Kostendämpfungspolitik bei zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts stabil zu halten.

Die größte Dynamik gibt es im Bereich der Pflege. Die Ausgaben der gesetzlichen Pflegeversicherung stiegen seit 2005 um 56,4 Prozent auf 28 Milliarden Euro. Gründe sind die steigende Zahl der Pflegebedürftigen aber vor allem auch Leistungsverbesserungen bei den gesetzlichen und privaten Pflegekassen. Auch hier wird die Dynamik in Zukunft eher noch zunehmen. Allein zwischen 2014 und 2015 stiegen sie mehr als doppelt so stark wie alle Gesundheitsausgaben: um 10 Prozent oder 2,5 Milliarden Euro. Zum 1. Januar 2017 sind weitere Leistungsverbesserungen in Kraft getreten, die nach Schätzungen des Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang von der Universität Bremen allein in diesem Jahr zu Mehrausgaben von sieben Milliarden Euro führen werden.

Nach wie vor werden allerdings die meisten Gesundheitsausgaben von den gesetzlichen Krankenkassen getragen. Sie stiegen seit 2005 um 48 Prozent auf 200 Milliarden Euro 2015. Auch hier nimmt die Dynamik eher zu. 2016 dürften nach der Prognose des Schätzerkreises beim Bundesversicherungsamt bereits 218 Milliarden Euro überschritten werden. Für 2017 erwartet er bereit über 229 Milliarden Ausgaben für die Krankenkassen. Damit laufen die gesetzlichen Krankenkassen – was die Ausgabenentwicklung angeht – den  privaten Krankenversicherungen davon. Diese gaben 2015 mit 21,8 Milliarden Euro „nur“ 39,9 Prozent mehr aus als zehn Jahre zuvor. Dabei ist die Zahl der Vollversicherten in der PKV nach Daten des PKV-Verbands von 8,4 auf 8,8 Millionen gestiegen.

Der einzelne Bürger ist zwar auch bereit, zusätzlich zu seiner Krankenversicherung immer mehr Geld für seine eigene Gesundheit in die Hand zu nehmen. Allerdings wuchs diese Bereitschaft nur verhalten: 46 Milliarden Euro gaben Privathaushalte inklusive privater Organisationen ohne Erwerbszweck 2015 für Gesundheit aus. Das sind 29 Prozent mehr als 2005. Der vergleichsweise geringe Anstieg könnte auch damit zusammenhängen, das die Zwangsbeiträge zur Pflege- und Krankenversicherung seit 2005 stark gestiegen sind. Der durchschnittliche Krankenkassenbeitrag stieg von 14,2 auf aktuell 15,7 Prozent. 2015 waren bereits 15,5 Prozent erreicht.  Der Pflegebeitrag wurde von 1,7 auf aktuell 2,55 Prozent noch stärker erhöht. 2015 waren hier bereits 2,35 Prozent erreicht.

Quelle : Handelsblatt Online 21.02.2017

Pflegeversicherung – Ab 5.000 Euro Einkommen droht Elternunterhalt

Im Pflegefall haften Kinder für ihre Eltern (Symbolbild)Maxlkt@Pixabay.com

Für die Pflegefälle gilt: „Kinder haften für ihre Eltern“. Mit diesem Slogan zu einem drohenden Elternunterhalt warb vor knapp 20 Jahren, fünf Jahre nach Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung, ein Versicherer für seine Pflegepolicen. Inzwischen nehmen die Pflegefälle weiter zu. Und erwachsene Kinder alter Eltern sollten wissen, dass ihnen ab rund 5.000 Euro brutto Elternunterhalt droht, zahlbar an das Sozialamt, wenn die eigenen Eltern etwa wegen Pflegefalls mittellos sind.

In Deutschland lebten nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden im Jahr 2015 knapp 800.000 Menschen in Pflegeheimen. Jeder Platz in diesem Heimen kostet laut den Bundesstatistikern rund 3.200 Euro pro Monat. Knapp die Hälfte davon zahlt die gesetzliche Pflegeversicherung. Der Rest, etwa 1.600 Euro, ist Privatsache. Haben Menschen für den Pflegefall nicht privat vorgesorgt, zu geringe Einnahmen oder kein Vermögen, dann geht es für deren erwachsene Kinder in die umgekehrte Erbfolge:

Kinder haften für ihre Eltern

Im Bürgerlichen Gesetzbuch, Paragraf 1601, steht es in einem Satz. Länger ist der Text dieses Paragrafen nicht: „Verwandte in gerader Linie sind verpflichtet, einander Unterhalt zu gewähren“. Deutlicher: Kinder haften für ihre Eltern. Zunächst müssen Pflegefälle ihr eigenes Vermögen für die Heimkosten aufwenden; lediglich 2.600 Euro werden von Zugriff des Sozialamtes verschont. Für weitere Kosten müssen die Kinder einspringen. Weil diese oft eine eigene Familie haben, geht deren Versorgung vor. Hierzu hatte die Arag Rechtschutzversicherung im vergangenen Jahr für „Focus Online“ einige Zahlen vorgelegt, an denen man sich orientieren kann, bei welchem Einkommen und wie viel Elternunterhalt fällig werden kann, wenn die eigenen Eltern mittellos sind – und das sind sie meist wegen Pflegefalls.

5.000 Euro Brutto, Single: zahlt

Beispiel: Ein Mann ist 50 Jahre alt, alleinstehend und mit 5.000 Euro Bruttoeinkommen im Monat. Sein Nettoeinkommen beträgt nach Steuern und Sozialabgaben 2.800 Euro. Abzüglich einem gesetzlichen „Selbsterhalt“ von 1.800 Euro (nachrichtlich: bei Verheirateten plus 1.440 Euro). Im Beispiel ergeben sich 1.000 Euro Zwischensumme. Hiervon kann der Betreffende Werbungskosten (Beispiele: berufliche Fortbildung, Fahrten zur Arbeit) abziehen.

Außerdem darf jeder Unterhaltspflichtige Kosten für seine eigene Rente abziehen, bis maximal fünf Prozent vom Netto. Nehmen wir nun an, unterm Strich blieben bei diesem Beispiel 500 Euro übrig, dann ist die Hälfte davon als Elternunterhalt an das Sozialamt zu zahlen: 250 Euro. Jeden Monat. Genauer berechnen lässt sich das Ganze auf Elternunterhalt.org.

Der Makler hat bis zu sechs Pflegekunden je Familie

Für Versicherungsmakler sieht der Mikromarkt in seiner Kundschaft und Nachbarschaft etwa so aus. Je Elternteil, davon haben Eheleute noch bis zu vier lebende, können im Pflegefall hohe Kosten auf die erwerbstätigen Kinder zukommen. Je Person können bei einer drei Jahre währenden Pflege schnell 65.000 Euro Kosten (36 Monate mal 1.800 Euro Lücke) erreicht werden, die von der staatlichen Pflegeversicherung nicht bezahlt werden.

Zwar sinkt für Unterhaltspflichtige das finanzielle Risiko, hinfälligen Eltern Unterhalt zahlen zu müssen, mit der Anzahl ihrer ebenfalls zur Unterhaltsleistung fähigen Geschwister. Dennoch lohnt für Makler im Kundengespräch der Blick auf die bis zu vier Eltern-/Schwiegereltern-Personen. Und so hat der Makler je Einzelkunde deren bis zu sechs: Einmal sein Kundenehepaar und deren Eltern.

Quelle : Versicherungsbote Online 22.2.2017

Schmerzen digital bekämpfen

Bei Menschen die in der Erwerbsphase stehen, sind Kopfschmerzen inzwischen die Volkskrankheit Nummer eins. Quelle: dpa

Vor allem junge Menschen greifen immer häufiger zu Schmerzmitteln und gefährden damit ihre Gesundheit. Die größte deutsche Kasse, TK, hat jetzt untersuchen lassen, wie Schmerzen auch digital bekämpft werden können.

Die Zahlen sind erschreckend. Von den zehn meist verkauften Medikamenten in Deutschland, sind sieben Schmerzmittel. Sie heißen Paracetamol, Voltaren, Thomapyrin, Aspirin, ASS ratiopharm, Dolormin oder Ibu Ratiopharm. Wer sie nicht kennt, gehört zu den Glücklichen, die nie oder selten unter Kopf- oder Rückenschmerzen leiden. Das gilt aber nur für eine Minderheit in Deutschland. 28 Millionen Frauen und 21 Millionen Männern leiden regelmäßig unter Kopfschmerzen.

Bei Menschen die in der Erwerbsphase stehen, seien Kopfschmerzen inzwischen die Volkskrankheit Nummer eins, so Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. Göbel gehört zu den Vorreitern bei dem Versuch, die ärztliche Therapie von Kopfschmerzen und Migräne unter Nutzung neuer digitalen Möglichkeiten deutlich zu verbessern. Zusammen mit seinem Team der Kieler Schmerzklinik, hat er eine Migräne iPhone-App entwickelt. Über 10 000 Schmerzpatienten haben sich die Anwendung bereits runtergeladen. Die Android-Version soll voraussichtlich Ende des Monats verfügbar sein. Herzstück der App ist ein Kopfschmerzkalender.  „Er wird Ihnen helfen, den Verlauf Ihrer Kopfschmerzerkrankung zu beobachten. Symptome, Behandlung und Auswirkungen der Migräne oder Spannungs-Kopfschmerzen können exakt und zeitgemäß dokumentiert werden. „Ihre Kopfschmerzen können so effektiver und gezielter behandelt werden“, verspricht Göbel auf der Internetseite seiner Klinik.

Dabei zeichnet die App nicht nur Verlaufsdaten der Erkrankung auf. Anders als bei herkömmlichen Schmerzkalendern, können die Verlaufsdaten jederzeit Online ausgewertet werden. So kann der Patient die Wirksamkeit einer neuen Behandlung sofort erkennen und nachverfolgen. Das hilft auch dem Arzt, die Behandlung maßgeschneidert vorzunehmen und kontinuierlich zu optimieren. Voraussetzung ist natürlich, dass der Patient mit der Verwendung der Daten einverstanden ist. Nur wenn er die Aufzeichnungen seiner Migräne-App per Mail weiterleitet, oder einen Ausdruck mit in die Praxis nimmt, erhält der Arzt Einblick in die Daten.

Die Techniker Krankenkasse (TK) wollte wissen, ob das Ganze mehr ist als eine Spielerei und hat 200 Nutzer nach ihren Erfahrungen mit der App befragt. Einmal vor Beginn der Nutzung, einmal drei Monate danach. Das Ergebnis: Zwei Drittel fanden es besonders gut, dass sie sich über die App auch mit anderen Erkrankten austauschen können. Bedeutsamer für den Therapieerfolg ist allerdings, dass 60 Prozent bestätigten, sie würden seit sie die App benutzten die Therapieregeln, die ihnen  der Arzt gegeben hat, besser einhalten. Fast 90 Prozent gaben an, dass die App dabei besser hilft, als der herkömmliche Kopfschmerzkalender auf Papier.

Nicht ganz  unwichtig ist aus Sicht der Krankenkasse dürfte auch sein, dass immerhin ein Viertel der Nutzer angaben, sie müssten sich nun nicht mehr so oft wegen Kopfschmerzen vom Arzt krankschreiben lassen. Das ist auch für den Arbeitgeber von Vorteil. Denn Schmerzpatienten verursachen deutlich höhere Kosten als Patienten ohne Schmerzen. Letztere belasten die Solidargemeinschaft der TK-Versicherten durchschnittlich mit 2200 Euro im Jahr. Bei Schmerzpatienten belaufen sich die Behandlungskosten auf durchschnittlich 3300 Euro im Jahr.

„Die Ergebnisse zeigen das enorme Potenzial, dass digitale Lösungen und auch die Vernetzung personenbezogener Daten für das Wohlergehen des einzelnen haben können“, sagt TK-Chef Jens Baas. Als nächstes Projekt kündigte er die Entwicklung einer elektronischen Gesundheitsakte an, in der Patienten künftig auf freiwilliger Basis alle für sie relevanten Gesundheitsdaten sammeln können. Gerade erst hat IBM den Zuschlag für die Entwicklung der Akte erhalten.

Mit der Patientenakte setzt die TK ein Projekt um, das eigentlich längst für alle 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten verfügbar sein sollte. Denn die Patientenakte war mal als wichtigste Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte gedacht, an der seit 2005 gearbeitet wird. Sie sollte die Behandlung von Krankheiten optimieren. Zum Beispiel könnten Mehrfachdiagnosen vermieden werden, die immer noch an der Tagesordnung sind. Tatsächlich ist die Karte bis heute kaum mehr als eine Ausweiskarte mit Foto für die Versicherten. Baas hofft, dass seine elektronische Gesundheitsakte am Ende zum Modell für alle Krankenkassen wird.

Quelle: Handelsblatt Online 23. Februar 2017

 

Krankenkassen fahren Milliardenplus ein

Gesundheit wird in einer alternden Gesellschaft immer teurer – zumal Minister Hermann Gröhe kostspielige Reformen auf den Weg gebracht hat. Doch nun können die Beitragszahler erstmal aufatmen.

BerlinDie gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr ein Finanzplus von rund 1,4 Milliarden Euro eingefahren. Das Geldpolster der Kassen ist nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur auf 15,9 Milliarden Euro gestiegen. Zum Jahresende 2015 hatte die Finanzreserve der Krankenversicherungen noch rund 14,5 Milliarden Euro betragen. Damit stehen die Kassen besser da, als deren Spitzenvertreter im vergangenen Jahr vorhergesagt hatten. Somit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Zusatzbeiträge der Kassen im kommenden Jahr auf breiter Front steigen.

Hauptgründe für die guten Kassenfinanzen sind die brummende Konjunktur, höhere Löhne und die gute Beschäftigungslage. Dadurch fließt auch mehr Geld in die Sozialkassen. Steigende Ausgaben für Ärzte, Kliniken und Medikamente konnten die Krankenkassen so mehr als ausgleichen. Das gilt, obwohl die Bundesregierung Leistungsverbesserungen mit einem Kostenplus erkaufte.

Entwarnung gibt es nun erst einmal für die rund 55 Millionen Kassenmitglieder. Denn wenn die Ausgaben stärker steigen als die Einnahmen der Kassen, müssen die Kassenmitglieder das alleine über die Zusatzbeiträge bezahlen. Der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz ist laut offizieller Schätzung vom Oktober bei 1,1 Prozent des Bruttoeinkommens stabil. Tatsächlich liegt der tatsächliche Wert heute leicht darunter. Der allgemeine Beitragssatz von 14,6 Prozent – getragen je zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern – ist gesetzlich fixiert.

Die Krankenkassen hatten noch im vergangenen Sommer einen spürbar steigenden Zusatzbeitrag vorhergesagt. Damalige Prognosen aus dem Kassen-Spitzenverband hatten den Zusatzbeitrag für 2017 auf 1,3 bis 1,4 Prozent taxiert. Bei einem Monatseinkommen von 2500 Euro brutto wären das immerhin 90 Euro im Jahr mehr gewesen. Die Entwicklung für 2018 wird genauer erst im Herbst klar, wenn offizielle Konjunkturprognosen fürs kommende Jahr vorliegen.

Quelle: Handelsblatt 23.02.2017