Umgang mit dem Vergessen „Demenz ist keine Krankheit“

Die US-Amerikanerin Naomi Feil, Jahrgang 1932, hat eine Methode entwickelt, mit der Demente wertgeschätzt und nicht korrigiert werden. Pfleger setzen die Praxis im Umgang mit Dementen vielfach in ihrer Arbeit ein. Feil hat mehrere Bücher zum Thema verfasst, die auch auf Deutsch erschienen sind.

 

SPIEGEL ONLINE: Frau Feil, laut Welt-Alzheimer-Report sind gegenwärtig weltweit 47 Millionen Menschen dement, in Deutschland sind es mehr als 1,5 Millionen. Ist die Gesellschaft gewappnet, so viele Betroffene zu betreuen?

Naomi Feil: Sicher nicht. Es gibt zu wenig Pflegekräfte und Stiftungen und Pharmaunternehmen geben Millionen für die Forschung aus, um eine Therapie gegen Demenz zu finden. Der Grund dafür ist, dass die meisten Menschen Angst davor haben. Dabei gehört das zum ganz normalen Prozess des Alterns. Auch wenn es immer noch viele glauben: Demenz ist in meinen Augen keine Krankheit.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Feil: Ich nenne Demenz Altenleid und sage, dass Demente unglücklich orientiert sind. Jeder Mensch altert anders. Wir haben rund 100 Milliarden Neuronen, und im Laufe des Lebens gehen zahlreiche davon zugrunde. Wenn man sehr alt ist, vergisst man nun mal. Das sollte man akzeptieren, so wie man Falten bekommt – mit 85 hat man davon mehr als mit 70 Jahren, bei den Neuronen ist es anders herum. Eine Tablette dagegen gibt es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation definiert sehr deutlich: Demenz ist ein Syndrom, das Folge einer meist chronischen Krankheit des Gehirns ist.

Feil: Herr Dr. Alzheimer hat einmal das Gehirn einer verstorbenen, 51-jährigen Frau geöffnet und dabei Plaques, also Ablagerungen gefunden. Daraufhin hat er gesagt, das sei eine Krankheit. Aber bei 80- oder 90-Jährigen sind diese Ablagerungen ganz normal und nicht jeder, der sie hat, ist verwirrt. Niemand lernt, wie es ist, alt zu sein. Ich bin daher dafür, dass Kinder schon in der Schule lernen sollten, dass Menschen im Alter vergesslich werden können oder ganz komisch sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind in einem Altersheim in Cleveland aufgewachsen, das Ihre Eltern leiteten. Wie war Ihre Kindheit inmitten alter, zum Teil verwirrter Menschen?

Feil: Ich war sieben oder acht Jahre alt, als wir in das Altersheim zogen und ich hatte vor allem Angst. Ich fürchtete mich vor diesen alten Menschen. Weil wir zuvor in einer anderen Stadt gelebt hatten, fehlten mir Freunde. Das wurden daher die Alten. Ich habe gelernt, dass sie nicht verrückt sind, auch wenn viele davon überzeugt waren – meine Eltern übrigens auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Methode der Validation entwickelt, die den Betroffenen mehr Lebensqualität ermöglichen soll. Mittlerweile arbeiten nach dem Prinzip Tausende von Menschen mit Dementen. Was ist das besondere an Validation?

Feil: Wichtig ist zum Beispiel, die Menschen nicht zu korrigieren. Wir dürfen nicht von außen urteilen, sondern wir müssen uns in die Welt der Dementen begeben. Wenn jemand sagt, dass er sterben will, sollte man das nicht ignorieren und hoffen, dass er es schon wieder vergessen wird. Man sollte besser zurückfragen: „Sie wollen nicht mehr leben?“ Statt die Menschen abzulenken, fragt man sie nach den schlimmsten oder schönsten Dingen im Leben.

SPIEGEL ONLINE: Verunsichert das nicht unnötig?

Feil: Wenn schmerzhafte Gefühle ausgedrückt, akzeptiert und durch einen vertrauensvollen Zuhörer validiert, also für gültig erklärt werden, dann nehmen sie ab. Gefühle hingegen, die man ignoriert und unterdrückt, werden stärker.

SPIEGEL ONLINE: Im Alltag ist es für Pfleger sehr schwer, für jeden Dementen so viel Zeit und Geduld aufzubringen. In vielen Seniorenheimen in Deutschland herrscht eher der Grundsatz „satt und sauber“.

Feil: So ist es leider. Schon mein Vater, ein Psychologe, hatte verstanden, dass verwirrte Menschen mehr Personal brauchen und dass man ihnen zuhören und sie analysieren muss. Eine Frau in seinem Altersheim sagte immer, dass ein fremder Mann in ihrem Zimmer sei. Sie war früher missbraucht worden, hatte diese Emotionen aber nie herausgelassen. Die einen sagen: Diese Frau hat Wahnvorstellungen, sie braucht Medizin. Die Validation sagt: Diese Frau muss ihre Gefühle loswerden, damit sie in Ruhe leben und sterben kann.

SPIEGEL ONLINE: Trifft Ihre Methode überall auf offene Ohren?

Feil: Mir wurde einmal von einer Heimleitung gesagt, ich sei so verrückt wie die Leute, mit denen ich arbeite.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man Demente beschäftigen?

Feil: Man muss kreativ sein im Umgang mit ihnen und vor allem Empathie, Energie, Aufmerksamkeit und Liebe mitbringen. Nonverbale Kommunikation ist sehr wichtig, Gruppen sind meist gut. Vielen gefällt Tanzen und Singen. Aber es muss Musik sein, die die Menschen kennen. Das merke ich auch ganz deutlich bei meinem Mann.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit dem Filmproduzenten Edward Feil verheiratet. Ist er dement?

Feil: Oh ja, und das ist schwer. Er ist 93 Jahre alt und wir sind seit 1963 verheiratet. Er weiß nicht immer, wer ich bin. Manchmal fragt er, wenn ich bei ihm bin, „Wo ist Mimi“? Das ist mein Spitzname. Ich frage dann: „Wo ist die Mimi jetzt?“ Und er antwortet meistens: „Du bist die Mimi.“ Manchmal spricht er auch sehr laut über Masturbation, auch wenn unsere Familie dabei ist. Ich weiß nicht, warum er das macht, aber vor den Enkelkindern will ich ihn nicht fragen.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie dann zu Hause mit ihm darüber?

Feil: Ja, aber meistens hat er es schon wieder vergessen. Mein Mann war früher immer reserviert und eher zurückhaltend. Über Sex hat man nicht gesprochen. Und jetzt kommt das alles raus. Ich akzeptiere das. Manchmal will er, dass ich ihn streichle. Dann berühre ich ihn, wo er will und es ist okay.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst Angst, dement zu werden?

Feil: Nein. Trotzdem ist es sehr schwer für mich, wenn meine Kinder sagen, dass ich vergesslich werde. Ich antworte dann immer, dass ich mich an alles erinnere, was wichtig ist. Ich konzentriere ich mich auf das, was noch geht und nicht darauf, was nicht mehr geht.

Quelle: Spiegel online, 21.11.2017

EMA Mitarbeiter-Favorit Amsterdam wird neuer Sitz

Emotionale Reaktionen gab es am Montagabend in London unmittelbar nachdem bekannt wurde, dass die Europäische Arzneimittelagentur EMA (European Medicines Agency) nach mehr als 20 Jahren infolge des Brexit die britische Hauptstadt verlassen wird. Der lokale BBC Fernsehsender berichtete unmittelbar nach Bekanntgabe der Entscheidung ausführlich und teils emotional über den Wegzug der Behörde. Sogar Londoner, die eigentlich nichts mit dem Thema Arzneimittelzulassung zu tun haben, reagierten traurig auf den bevorstehenden Umzug. „Die EMA ist ein Teil Londons und dieser Teil wird uns bald fehlen“, so Mary Eggston, eine Krankenschwester in einer großen Londoner Klinik. Zahlreiche Londoner Kleinunternehmer wie Kioskbesitzer rund um den bisherigen EMA-Sitz im Stadtteil Canary Wharf und ein Software-Hersteller in der Nähe des Bahnhofs Waterloo machten ihrer Frustration in Sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook publik. Sie fürchten offenbar um Umsätze, da die rund 600 EMA-Mitarbeiter als Kunden bald schon ausfallen werden.

Ebenso betroffen ist die Londoner Hotelbranche und Gastronomie. Die Agentur lockte jährlich rund 36.000 Besucher zusätzlich in die Stadt, was für rund 30.000 zusätzliche Hotelübernachtungen sorgte. „Das ist ein trauriger Tag für London“, kommentierte der Londoner Klinikarzt Dr. Alastair Teague gegenüber der „Ärzte Zeitung“. Unterdessen kündigte die EMA an, „spätestens ab 30. März 2019“ in Amsterdam die Arbeit aufnehmen zu wollen.

19 EU-Staaten hatten sich im Vorfeld um den Sitz der Arzneimittelbehörde beworben, die wegen des Austritts Großbritanniens aus der EU umziehen muss. Deutschland war mit Bonn im Rennen. Die Entscheidung zugunsten Amsterdams kommt nicht völlig überraschend. Schon länger kursieren Gerüchte, wonach sich die EMA-Belegschaft bei einer hausinternen Umfrage vor Wochen eindeutig für die niederländische Hauptstadt ausgesprochen haben soll. Das wurde jetzt von EMA-Direktor Guido Rasi in einer ersten Stellungnahme bestätigt. Amsterdam erfülle „viele unserer Kriterien“ und entspreche den Wünschen einer „großen Mehrheit“ der Behördenmitarbeiter.

Die europäische Medizinbehörde ist seit 1995 in London beheimatet. Seither hat sich der zentrale Weg über die EMA als das bevorzugte innereuropäische Zulassungsverfahren etabliert. Anders als etwa die US-Oberbehörde FDA gibt die EMA nach Validierung eingereichter Dossiers allerdings nur positive oder negative Empfehlungen ab. Die formelle Marktfreigabe unter anderem neuer Humanarzneimittel obliegt der EU-Kommission.

Hiesige Pharmaverbände äußerten durchweg Zustimmung zu der Entscheidung pro Amsterdam. Der in Bonn ansässige Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH), der sich wiederholt für seine Stadt als neuen EMA-Sitz stark gemacht hatte, bedauerte zwar, dass die einstige Bundeshauptstadt das Nachsehen hatte. Gleichwohl sei Amsterdam „eine gute Wahl“. „Die wichtigsten Faktoren, die die Arbeitsfähigkeit der EMA auch nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU ermöglichen, sind dort gegeben“, ließ Dr. Elmar Kroth, BAH-Geschäftsführer Wissenschaft verlauten. Ähnlich kommentierten der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) sowie der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI).

Versöhnliche Töne fand auch Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan (CDU). „Einerseits sind wir selbstverständlich enttäuscht über die Entscheidung des Ministerrats. Andererseits freue ich mich aber auch über das Vertrauen, das der Stadt Bonn und der europäischen Rheinregion durch die Bundesregierung entgegengebracht wurde, als sie uns als möglichen EMA-Standort ins Spiel brachte.“ Immerhin habe sich Bonn mit seiner Bewerbung „als attraktiver Standort für internationale Einrichtungen auch auf europäischer Ebene in Erinnerung rufen können“.

Quelle: ÄrzteZeitung online, 22.11.2017

Sitz der EBA noch offen : Bonn bei Neuvergabe von EU-Arzneimittelbehörde ausgeschieden

Die frühere Bundeshauptstadt Bonn wird nicht Sitz der Europäischen Arzneimittelagentur EMA. Die deutsche Bewerbung um den Standort schied an diesem Montag bereits in der ersten Runde einer geheimen EU-Abstimmung in Brüssel aus. In die zweiten Wahlrunde schafften es Mailand, Amsterdam und Kopenhagen. Sie dauerte am späten Nachmittag noch an.

Nach der Zukunft der Arzneimittelagentur EMA sollte am Montagabend in Brüssel auch die der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA geklärt werden. Beide Behörden sollen wegen des geplanten EU-Austritts Großbritanniens so schnell wie möglich in eines der 27 verbleibenden EU-Länder umgesiedelt werden.

Für den EBA-Standort hat Deutschland Frankfurt am Main als Kandidaten-Stadt ins Rennen geschickt. Der Bankenmetropole wurden in Brüssel durchaus Chancen eingeräumt.

Die Sitze von EU-Behörden sind sehr begehrt. Wer den Zuschlag erhält, kann auf hohe Zusatzeinnahmen hoffen. Die EMA und die EBA richten jährlich Hunderte Konferenzen und Veranstaltungen mit Experten aus aller Welt aus. In London sorgten beide Agenturen zuletzt pro Jahr für rund 39.000 zusätzliche Hotelübernachtungen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine online, 20.11.2017

So entkommen Rentner der teuren Krankenversicherung

Seit 1. August 2017 erleichtert ein neues Gesetz den Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung der Rentner (KVdR). Vielen Ruheständlern blieb bisher der Weg in die Pflichtversicherung versperrt. Sie bekamen die dafür nötigen Mitgliedsjahre in der gesetzlichen Krankenkasse (GKV) nicht zusammen.

Betroffen davon waren Menschen, die während ihres Berufslebens zeitweise gar nicht oder eine Zeit lang in der privaten Krankenversicherung (PKV) waren. Das traf besonders oft auf Frauen zu, die in der Erziehungszeit über den Ehemann privat versichert waren und später als Berufstätige wieder in die GKV wechselten.

Eine Kostenfalle: In der Konsequenz mussten sich diese als Rentner freiwillig gesetzlich krankenversichern und die volle Beitragslast schultern, die sich aus privaten Lebens- oder Rentenversicherungen sowie Einkünften aus Vermietung und Kapitalvermögen ergab.

Selbst das Einkommen des Ehepartners zählte mit, wenn er privat krankenversichert war. Als Alternative blieb ihnen noch, sich privat zu versichern und teilweise sehr hohe PKV-Beiträge in Kauf zu nehmen.

Pro Kind drei Jahre in der GKV gutgeschrieben

Um vielen Rentnern dieses finanzielle Fiasko künftig zu ersparen, hat die Bundesregierung nun gehandelt. Durch das neue Gesetz werden Vätern und Müttern pro Kind, ob leiblich, Stief- oder Pflegekind, drei Jahre gutgeschrieben. Sie zählen als gesetzlich krankenversicherte Zeit.

Von der Neuregelung können auch Altfälle profitieren, also alle, die am 1. August dieses Jahres schon in Rente waren und es nicht in die Pflichtversicherung schafften.

 Jeder Rentner, der freiwillig gesetzlich oder privat versichert ist, kann jetzt auf Antrag prüfen lassen, ob ein Wechsel möglich ist. Wer keine Chancen hat, im Alter noch in die gesetzliche Krankenversicherung der Rentner (KVdR) zu wechseln, sollte sich möglicherweise schon mal ein finanzielles Polster zulegen.

 

Quelle: Welt24.de, 16.11.2017

Weniger Angst vor Krebs, Demenz und Herzinfarkt

Die Angst vor Krebs, Demenz und anderen schweren Krankheiten ist einer Umfrage zufolge in Deutschland schwächer geworden. 65 Prozent der Befragten gaben in einer Erhebung des Forsa-Instituts für die DAK-Gesundheit an, sie fürchteten sich vor einem bösartigen Tumor. Im Jahr 2010 hatten 73 Prozent diese Befürchtung geäußert, im vergangenen Jahr noch 69 Prozent, wie die Krankenkasse heute in Hamburg mitteilte.

Noch deutlicher nahm die Zahl der Menschen ab, die Angst haben, an Demenz oder Alzheimer zu erkranken. 2010 und 2016 hatten jeweils 50 Prozent der Befragten diese Sorge geäußert, jetzt waren es nur noch 39 Prozent.

Deutlich zurück ging laut der repräsentativen Umfrage auch die Angst vor einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt, einem Unfall mit schweren Verletzungen oder vor einer schweren Augenerkrankung. Eine ähnliche Tendenz zeigte sich bei der Frage nach der Furcht vor einer psychischen Erkrankung, einem schweren Lungenleiden oder Diabetes. Angst vor Geschlechtskrankheiten äußerten nur noch 9 Prozent (2010: 14 Prozent).

Die Ursache des Trends konnte die Krankenkasse nicht erklären. «Gegebenenfalls besteht ein Zusammenhang mit der guten medizinischen Aufklärung und einem Vertrauen in die moderne Medizin», sagte DAK-Ärztin Elisabeth Thomas. Klar ist immerhin, dass die große Mehrheit der Menschen in Deutschland sich gesund fühlt. Laut der Umfrage bewerten 88 Prozent ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut. Die Krankenkasse beklagt, dass auch die Zahl der Menschen sinkt, die an einer Vorsorgeuntersuchung teilnehmen, regelmäßig Sport treiben und sich gesund ernähren.

Quelle: pz.de, 16.11.2017

 

Winterdienst und Putzhilfe – Wie das Finanzamt im Haushalt hilft

Nicht jeder kann oder will Schnee schippen und bei Glatteis streuen – und das auch noch mehrmals am Tag. Aber es gibt ja Studenten, Nebenjobber oder professionelle Anbieter, die für einen den Winterdienst verrichten – gegen Entgelt natürlich. Das Gute: Die Kosten hierfür kann man gegenüber dem Finanzamt geltend machen.

Wer Dritte im Umfeld von Haus und Garten beschäftigt, kann dies in seiner Steuererklärung auf Seite drei des Mantelbogens angeben. „Die Beträge werden von der Steuerschuld, nicht vom zu versteuernden Einkommen abgezogen“, sagt Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler Deutschland in Berlin. Möglich ist laut Klocke ein Abzug von bis zu 5710 Euro pro Jahr für Haushaltshilfen, Minijobber oder Handwerker.

Auch wer nur für einige Wochen im Winter einen Dritten beauftragt, um das Haus herum Schnee zu schippen und Streugut auf den glatten Wegen zu verteilen, kann die Kosten dafür beim Finanzamt geltend machen. „Es zählen Lohn- und Arbeitskosten sowie Maschinen- und Fahrtkosten, ebenso Kosten für Reinigungs- und Schmiermittel sowie Streugut“, erklärt Markus Fischer von der Stiftung Warentest in Berlin.

Barzahlungen werden nicht anerkannt

Generell gilt, dass 20 Prozent der Arbeitskosten steuerlich abgesetzt werden können. Arbeitet im Haushalt ein Minijobber, der kocht, putzt oder bügelt, dann lassen sich bis zu 510 Euro im Jahr geltend machen. Voraussetzung: Der Minijobber ist bei der Minijobzentrale angemeldet. „Die steuerliche Höchstgrenze für Minijobber liegt bei 2550 Euro im Jahr, 20 Prozent davon sind 510 Euro“, erläutert Uwe Rauhöft vom Bundesverband Lohnsteuerhilfevereine in Berlin.

Wer eine Voll- oder Teilzeitkraft für seinen Haushalt engagiert hat und für sie Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Sozialversicherung entrichtet, kann 20 Prozent der Aufwendungen in der Steuererklärung geltend machen. Die Höchstgrenze liegt bei 20.000 Euro, man kann also bis zu 4000 Euro von der Steuerschuld abziehen. In gleicher Höhe sei ein Abzug möglich, wenn man haushaltsnahe Dienstleistungen einschließlich Pflege und Betreuung zum Beispiel von einer Agentur erledigen lässt, erklärt Klocke.

Handwerkerarbeiten, zu denen auch Wartungsarbeiten zählen, erkennt der Fiskus mit maximal 1200 Euro pro Jahr an. Diese Summe entspreche 20 Prozent von 6000 Euro Gesamtausgaben für Lohn-, Fahrt- und Maschinenkosten, rechnet Fischer vor. Verbraucher sollten unbedingt darauf achten, dass der Handwerker auf der Rechnung die Lohn- und Fahrtkosten getrennt von den Materialkosten ausweist. Denn nur für Lohn-, Fahrt- und Maschinenkosten gibt es einen Steuerabzug.

Barzahlungen werden nicht anerkannt. Das Finanzamt will eine datierte Rechnung sehen. Auf Nachfrage muss der Steuerzahler per Beleg beweisen, dass er den Betrag auf das Konto des Handwerkers überwiesen hat, wie aus einem Urteil des Finanzgerichts Düsseldorf (Az: 15 K 3449/06 E) hervorgeht.

Außerdem muss auf der Handwerker-Rechnung erkennbar sein, dass die Leistungen tatsächlich im Haushalt vorgenommen wurden. Wurde zum Beispiel die Waschmaschine von Handwerkern zu Hause abgeholt und in der Fachwerkstatt repariert, dann gibt es keinen Abzug.

Nicht rückwirkend oder im Voraus

Auch Mieter können Handwerkerarbeiten in ihrer Steuererklärung geltend machen – das ist zum Beispiel der Fall, wenn sie auf ihre Rechnung Wände streichen oder andere Schönheitsreparaturen ausführen lassen.

Mieter sollten ihre jährliche Nebenkostenabrechnung im Blick haben. So können sie ihre Anteile an den Kosten für den Hausmeister, die Treppenhausreinigung, die Fahrstuhlwartung, die Gartenarbeit und den Schornsteinfeger in ihrer Steuererklärung angeben. „Grundsätzlich lassen sich alle möglichen Varianten für einen maximalen Steuerabzug von 5710 Euro miteinander kombinieren“, betont Klocke.

Ein steuerlicher Abzug kommt nicht infrage, wenn es sich um Beschäftigungsverhältnisse mit nahen Angehörigen handelt – zum Beispiel zwischen Eltern und im Haushalt lebenden Kindern. Haushaltsnahe Beschäftigungsverhältnisse mit Angehörigen, die nicht im Haushalt des Steuerpflichtigen leben, werden anerkannt. Voraussetzung: Die Verträge sind wie unter Fremden wirksam zustande gekommen und die vereinbarten Leistungen wurden auch tatsächlich erbracht.

Für Steuerpflichtige ist es mitunter schwierig auszumachen, was unter haushaltsnahe Dienstleistungen fällt. Dazu zählen Wohnungsreinigung, Gartenpflege sowie Betreuung und Versorgung von Pflegebedürftigen. Kosten für Friseure, die ins Haus kommen, können nur dann steuerlich geltend gemacht werden, wenn man pflegebedürftig ist. „Nicht unter haushaltsnahe Dienstleistungen fallen etwa die Erteilung von Sprachunterricht oder Freizeitbetätigungen“, sagt Klocke.

Generell gilt: Haushaltsnahe Dienstleistungen können nur dann abgesetzt werden, wenn der Verbraucher auch Einkommensteuer bezahlt hat – das hat der Bundesfinanzhof (Az.: VI R 44/08) entschieden. Ein Jahr rückwirkend oder im Voraus könnten die haushaltsnahen Dienstleistungen nicht berücksichtigt werden.

Quelle: ntv.de, 16.11.2017

Atemwegserkrankung Sport, Gesang und Regelmäßigkeit: Was COPD-Patienten hilft

Bei Menschen mit COPD sind die Atemwege geschädigt und chronisch verengt. Weil sie nicht richtig ausatmen können, ist die Lunge überbläht – was auf Dauer oft auch dem Herzen schadet. Heilbar ist die Krankheit nicht, ihr Verlauf lässt sich aber verlangsamen.

– Konsequente Therapie: Ihre Medikamente müssen COPD-Patienten unbedingt regelmäßig nehmen. Denn dadurch verringern sie auch ihr Risiko für Herzerkrankungen, erklärt der Bundesverband der Pneumologen (BdP). Der Grund: Bronchienerweiternde Medikamente sorgen dafür, dass Betroffene wieder richtig ausatmen können. Dadurch verbessert sich die Lungenfunktion, und auch das Herz kann wieder normal arbeiten.

– Viel Bewegung: Die krankheitsbedingte Atemnot hält COPD-Patienten oft von Sport und Spaziergängen ab. So geraten sie aber in einen Teufelskreis, warnt der Verband Pneumologischer Kliniken (VPK). Denn Bewegungsmangel verschlimmert die Krankheit noch. Deshalb rät der Verband zu einer Sporttherapie, zum Beispiel mit Gehen, Nordic Walking, Radfahren, Gymnastik oder Tanzen. Patienten sollten zudem körperliche Tätigkeiten in den Alltag einbauen – also etwa mit dem Rad und nicht mit dem Auto fahren.

– Singen in der Gruppe: Studien zeigen, dass es COPD-Patienten häufig besser geht, wenn sie im Chor singen. Denn dabei lernen sie eine gute Atemtechnik und trainieren das Zwerchfall, erklärt der BdP. Zwar wird dadurch die Lungenfunktion an sich nicht verbessert. Die Patienten üben aber, ihren Atem optimal zu nutzen. Das Zusammensein mit anderen im Chor schützt außerdem vor Depressionen, in die COPD-Patienten manchmal rutschen.

Quelle: ga.de, 15.11.2017

Gute Wirtschaftslage – Rente steigt, Beitrag sinkt

Die rund 21 Millionen Rentner können im Sommer mit einer Erhöhung ihrer Bezüge um rund drei Prozent rechnen. Voraussetzung sei, dass sich Löhne und Gehälter wie derzeit prognostiziert entwickeln, sagte der Vorstandsvorsitzende der Rentenversicherung, Alexander Gunkel. In Westdeutschland wird ein Rentenplus von 3,09 Prozent, in Ostdeutschland sogar von 3,23 Prozent erwartet.

Beitrag für Arbeitnehmer sinkt

Zugleich soll laut Gunkel der Beitragssatz für die gesetzliche Rente Anfang kommenden Jahres voraussichtlich leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 18,6 Prozent sinken. Die Bundesregierung dürfte den Schritt per Verordnung vollziehen.

Grund für die positiven Rentenfinanzen sind die gute Konjunktur und Beschäftigungslage. Bis zum Jahr 2022 könnte der Rentenbeitrag dann voraussichtlich stabil bleiben. 2023 dürfte er laut Prognosen wieder auf 18,7 Prozent steigen. 2024 wird eine Steigerung auf 19,8 Prozent vorausgesagt. Dann dürfte der Beitragssatz mit dem Eintritt weiterer geburtenstarker Jahrgänge in die Rente schrittweise weiter steigen, bis er im Jahr 2030 bei 21,6 Prozent liegen dürfte.

Immer mehr Ältere arbeiten

Zudem haben immer mehr ältere Menschen in Deutschland einen Job. Der Anteil der Beschäftigten in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen ist einem Zeitungsbericht zufolge im vergangenen Jahr auf 56 Prozent gestiegen. Das geht aus dem Entwurf zum Rentenversicherungsbericht 2017 hervor, aus dem das „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ zitierte. Im Jahr 2000 hatte der Anteil noch bei 20 Prozent gelegen. 2016 gingen Arbeitnehmer den Angaben zufolge im Schnitt mit 64,1 Jahren in Rente. Im Jahr 2000 hatte das tatsächliche Renteneintrittsalter noch 62,3 Jahre betragen.

Quelle: tageschau.de, 14.11.2017

Experten diskutieren über gute Pflege und gesellschaftliche Teilhabe im Alter

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird steigen, die Zahl der pflegenden Angehörigen sinken – und bereits jetzt spitzt sich aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und Imageproblemen der demografiebedingte Fachkräftemangel in der Pflege zu. Was also sollte in der neuen Legislaturperiode unternommen werden, um unsere Gesellschaft und damit auch die Pflege „demografiefest“ zu gestalten? Mit dieser Ausgangsfrage eröffneten die Moderatoren Amelie Fried und Jörg Thadeusz die Podiumsdiskussion im Rahmen der Berliner Pflegekonferenz.

Der prominente Pflegekritiker Claus Fussek, der das Thema Pflege zur „Schicksalsfrage der Nation“ machen möchte und Deutschland in einem „Zustand kollektiver Verdrängung“ sieht, wandte sich direkt mit einer Aufforderung an das Publikum: Niemand sollte während der Diskussion zur Toilette gehen, um zu erleben, wie es sich anfühlt, ein Grundbedürfnis nicht befriedigen zu können. Fussek, selbst pflegender Angehöriger, ist der Meinung, das „Pflegen in die Betten“ habe System. „Je schlechter Sie gepflegt werden, je immobiler und pflegebedürftiger Sie sind, desto mehr Geld kriegt man in diesem System – das ist gesetzlich legitim.“ Rehabilitation vor Pflege stehe lediglich auf dem Papier – die Praxis sehe anders aus. Sein Wunsch an die Pflegekräfte ist es, sich untereinander zu solidarisieren und Probleme gegenüber der Politik ehrlicher zu kommunizieren.

Ganz ähnlich sieht das Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e. V. und laut Moderator Thadeusz „die graue Eminenz hinter der Politik von Ex-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt“. Auch er hat erlebt, dass sich bei angekündigten Besuchen von Politikern alle „in Höchstform“ präsentieren, statt auf Missstände hinzuweisen. Nur zehn Prozent der Pflegenden seien bisher organisiert. Die Gewerkschaften oder Pflegeverbände sollten als Interessenvertreter attraktiver werden und es sollte ein schnelleres, organisiertes Lernen aus guten Beispielen geben. Er wünscht sich einen Aktionsplan zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im Gesundheitswesen – und dass man notfalls auch gesetzlich konkretisiere, was in der betrieblichen Gesundheitsförderung zu tun ist. Geld sieht er nicht als Primärproblem. „Organisation, Personalausstattung, Schaffung eines ausreichenden Nachwuchspotenzials – das ist viel wichtiger, als nur über die Reallohnhöhe zu reden.“

Für die examinierte Altenpflegerin Sophia Warneke, Trägerin der Bronzemedaille WorldSkillsEurope, ist der Lohn – obwohl die Altenpflege 30 Prozent schlechter bezahlt wird als die Krankenpflege – ebenfalls nicht das wichtigste Thema. Vielmehr geht es ihr um Wertschätzung: „Ich mache meinen Beruf unheimlich gern, dennoch fehlen Pflegekräfte en masse – im stationären wie ambulanten Bereich. Wir brauchen dringend einen Imagewandel.“ Zu ihrem Beruf bekomme sie oft zu hören: „Das ist ja toll, aber ich könnte das nicht.“ Das sei für sie durch die Blume ein schlechtes Feedback.

Die stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Prof. Dr. Ursula Lehr, hat während des Wahlkampfs einen Fragenkatalog an die Politik formuliert zu allem, was alte Menschen betrifft. Zu ihren Kernforderungen zählt, den Pflegeberuf wieder attraktiv zu machen. Sie kritisiert zudem, dass Prävention und Rehabilitation in der Pflege zu wenig Beachtung finden. Der Begriff „gesund pflegen“ oder wenigstens „gesünder pflegen“ müsse wieder an Bedeutung gewinnen. Die Angehörigenpflege sollte besser gewürdigt und die Situation der Gepflegten verbessert werden. „Pflege darf nicht nur bewahrend sein, sondern sollte immer einhergehen mit Prävention – mit dem Bemühen, die vorhandenen Fähigkeiten, die Selbständigkeit zu verstärken“, sagt Lehr. Derzeit würde erfolgreiche Pflege durch die Regression der Pflegestufe jedoch nicht belohnt, sondern bestraft. Lehr mahnt darüber hinaus an, dass ältere Menschen nicht nur als „die zu Betreuenden“ gesehen werden sollten. „Auch die Hochaltrigen wollen eine Aufgabe, sich um etwas oder jemanden kümmern. Sie fühlen sich in dem Moment nicht einsam, in dem sie selber etwas tun können.“

Der gesellschaftlichen Teilhabe älterer Menschen misst Kirsten Fründt, Landrätin im Landkreis Marburg-Biedenkopf, ebenfalls hohe Bedeutung bei – der Vereinsamung müsse etwas entgegengesetzt werden. Ihr Landkreis unterstützt daher Bürger- und Nachbarschaftsinitiativen vor Ort, die etwa dafür sorgen, dass ältere Menschen gemeinsam zu Mittag essen oder aufsuchende Unterstützungsleistungen bekommen. Auch Fründt hat klare Verbesserungsvorschläge: Da Pflege vor Ort in den Kommunen stattfinde, sollte diesen mehr Kompetenz eingeräumt werden. Darauf ziele das 3. Pflegestärkungsgesetz zwar durch zugestandene Beratungsleistungen ab, „aber tatsächlich konzeptionelle und Planungsleistungen sowie die entsprechende Finanzausstattung sind nicht umgesetzt worden“.

Einen Metablick auf das Thema Pflege gab schließlich der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Prof. Richard David Precht. Er kritisiert die Vorstellung, dass man alles spezialisieren muss. „Institutionen, in der nur Pflegebedürftige sind und Leute, die sie pflegen, sind selten Orte, die besonders inspirierend sind und zum Weiterleben motivieren.“
Seiner Meinung nach leben wir heute in einer Zeit, in der die Individualisierung der Menschen offensichtlich keinen Platz dafür lässt, die eigenen Eltern zu pflegen. Zwar sieht er die Gewinnorientierung von Pflegeheimen nicht als das alleinige Problem, jedoch dürfe diese nicht der einzige Maßstab sein – dann werde es inhuman. Um älteren Menschen eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu geben, hat Precht einen konkreten Vorschlag: die Einführung von zwei sozialen Pflichtjahren in Deutschland, eines nach dem Schulabschluss und das andere, bevor man in Rente geht. Letzteres mit der Einschränkung, weniger Stunden zu leisten und sich auch befreien lassen zu können. „Für nachfolgende Generationen ist das, was man dem Staat schuldet, immer weniger geworden. Aber es kann durchaus auch ein schönes Gefühl sein, seine Pflicht zu tun“, sagt Precht.

Das Thema Digitalisierung, über das der Philosoph zuvor bereits in seiner Key Note gesprochen hatte, kam auch in der Diskussionsrunde noch einmal auf. Precht nannte als Beispiel die Supermärkte der Zukunft, in denen keine Menschen mehr arbeiten werden – Roboter bestücken Regale, man zahlt bargeldlos an der Kasse. „Für meine Großmutter war das tägliche Einkaufen ein ganz wichtiger sozialer Akt, ein Event. Aber das verschwindet.“ Die Situationen, in denen man einfach so miteinander ins Gespräch kommt, würden seltener. Unter dieser „totalen Versteppung der Alltagskultur“ litten insbesondere alte Menschen. „Ich würde mir wünschen, dass man als Kommunalpolitiker sagen kann, ‚digitale Supermärkte ohne Menschen gibt’s bei uns nicht’“, so Precht. Eine Anregung von vielen, die die Besucher der Berliner Pflegekonferenz nach zwei intensiven Tagen mit nach Hause nahmen.

Quelle: adhoc.de, 10.11.2017

Big Data von der Krankenkasse

Jede Diagnose, die Ärzte stellen, die Medikamente, die sie verschreiben, all diese Informationen werden gesammelt und gespeichert – nämlich von den Krankenkassen, die Gesundheitsleistungen bezahlen. Die riesige Datensammlung, die aus diesen Abrechnungen entsteht, ist für Wissenschaftler ein ungehobener Schatz.

Denn mit den Krankenkassendaten könnten sie zum Beispiel nachvollziehen, wie Arzneimittel wirken, wie sich Krankheiten entwickeln oder auch, wie gut bestimmte Kliniken und Arztpraxen ihre Patienten behandeln. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will Forschern nun den Zugriff auf diese Daten erleichtern. In einem Verordnungsentwurf, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt, schlägt er vor, Wissenschaftlern anonymisierte Kassendaten schneller als bisher zur Verfügung zu stellen. Anstatt wie bisher vier Jahre sollen Forscher künftig nicht mehr länger als zwei Jahre auf die anonymisierten Datensätze warten. Außerdem sollen auch Informationen von Patienten aufgehoben werden, die bereits verstorben sind.

38 Forschungsanträge in zwei Jahren

Die Möglichkeit, Krankenkassendaten für die Forschung zu nutzen, besteht erst seit drei Jahren. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) hütet im Auftrag des Gesundheitsministeriums die Informationen der Versicherten. Das Institut überprüft die Anträge der Forscher und wertet für sie die Daten aus. Das funktioniert so: Forscher schicken elektronische Statistikskripte an das Institut, das Institut schickt die Ergebnisse zurück. Doch für viele Wissenschaftler ist dieser Vorgang zu aufwendig und langwierig. Auch deshalb wurden in zwei Jahren insgesamt bloß 38 Forschungsanträge eingereicht, heißt es in einer Auswertung des Dimdi: „Diese Zahl liegt weit hinter den ursprünglichen Annahmen“.

Mit der neuen Verordnung können Wissenschaftler die Daten nun zwar in Ausnahmefällen selbst einsehen, aber nur „in den Räumen“ des Instituts.

Minister Gröhe hat versucht, den Spagat zu schaffen, einerseits den Zugang für Forscher zu erleichtern und andererseits die sensible Krankheitsgeschichte der Versicherten zu schützen. Forscher sollen sich künftig selbst verpflichten können, aus den Kassendaten keine Rückschlüsse auf einzelne Patienten zu ziehen. Und falls ihnen doch Details zu Patienten unterkommen, sollen sie diese geheim halten. Auch „Dritte“ dürfen Forscher künftig beraten und Daten einsehen. Durch diese Lücke könnten auch private Unternehmen Einblick in sensible Daten erhalten.

„Belege für manipulative Aktivitäten“

Trotz dieser Lockerungen werde Gröhes neue Verordnung jedoch wenig an der geringen Antragszahl ändern, sagt der Hamburger Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg. „Um die Qualität der Gesundheitsversorgung zu untersuchen, ist dieser Datensatz so bisher nicht nutzbar“, sagt er. Arztpraxen und Krankenhäuser können etwa nicht identifiziert werden. Das müsse die künftige Bundesregierung ändern, fordert er.

Zudem stehen Krankenkassen und Ärzte seit längerem in der Kritik, die Abrechnungsdaten der Patienten zu manipulieren. Ihnen geht es dabei um Zuschüsse aus dem Gesundheitsfonds, die sie nur dann bekommen, wenn sie Menschen mit gewissen schweren Krankheiten versichern.

Der Wissenschaftliche Beirat des Bundesversicherungsamts hat jüngst „Belege für manipulative Aktivitäten“ gefunden. Aus einer „depressiven Verstimmung“ wird in der Kassenabrechnung etwa schnell eine „Depression“. Jochen Dreß vom Dimdi-Institut sagt: „Man müsste deutlich mehr Geld in die Qualitätskontrolle der Daten stecken.“ Bei der Interpretation der Forschungsergebnisse sei auch deshalb „eine gewisse Zurückhaltung angeraten“, sagt er.

Quelle: SZ.de, 08.11.2017